Ausgabe 1 | Generation Islam

November 2021 | Dezember 2021

Einleitung

Generation Islam (GI) gehört seit einigen Jahren zu den reichweitenstärksten Kanälen auf YouTube und anderen Social Media-Plattformen, die sich dem Umfeld von Akteur*innen der verbotenen Hizb ut-Tahrir zurechnen lassen. Die Personen hinter dem Kanal handeln nach den klassischen Mustern der strategischen Kommunikation: Ihre Botschaften suchen nach Schnittstellen mit Alltagsthemen vor allem junger Muslim*innen, um hierüber Einfluss auf diese auszuüben. Im Rahmen dieser KN:IX monitor-Trendanalyse werden prominente Akteur*innen, die Strategien und die Inhalte der Gruppe erläutert.

Hintergrund: Die Hizb-tu Tahrir

Die Hizb-ut Tahrir („Partei der Befreiung“; HuT) ist eine panislamische Bewegung, die 1953 von Taqi ad-Din an-Nabhani in Ostjerusalem gegründet wurde. Ihr vorrangiges Ziel ist die Wiedererrichtung eines Kalifats und eines islamistischen Staates unter der Führung eines Kalifen. Die Scharia soll dabei als Grundlage für die staatliche Organisation und die gesellschaftliche Ordnung dienen. Demokratie und Islam sind deshalb für die Bewegung nicht miteinander vereinbar. Das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche System sind demnach dem Islam unterzuordnen. Darüber hinaus positionieren sich die Anhänger*innen der HuT deutlich kritisch gegenüber dem „Westen“ und Israel und vertreten einen besonders stark ausgeprägten Antisemitismus.

Dieser Logik folgend sieht sich die Bewegung in einem Kampf zwischen den als homogen gelesenen „islamischen“ mit den „ungläubigen“ Zivilisationen verwickelt. Allerdings betrachtet sich die HuT auch innerhalb des Islam gegenüber anderen Bewegungen und islamistischen Gruppen in einer Konkurrenzstellung, auch wenn es hier und da Kontakte untereinander gibt. In Deutschland sind ihre Anhänger*innen vor allem in Städten wie Hamburg oder Berlin präsent. Zielgruppen der HuT sind vor allem einflussreiche Persönlichkeiten und Akademiker*innen, die die Organisation wiederum mit Spenden finanzieren sollen. 2003 wurde die HuT in Deutschland vom Bundesminister des Innern aufgrund ihrer enormen Israelfeindlichkeit und antisemitischen Botschaften verboten worden. Darüber hinaus verstoße die Organisation gegen den Gedanken der Völkerverständigung und befürworte Gewalt zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele.

Generation Islam (GI)

Dass die HuT nach wie vor in Deutschland aktiv ist, zeigt sich laut Beobachter*innen und Sicherheitsbehörden in den Aktivitäten der Gruppierung hinter GI, die 2014 gegründet wurde. Vor allem in sozialen Medien wie YouTube, Facebook und Instagram versucht die Gruppe mit hochwertigen Medienproduktionen wie Videos und Bildkompositionen muslimische Nutzer*innen zu erreichen. Prominente Personen der Gruppe, die in Videos in der Sprecherposition in Erscheinung treten, sind vor allem Umar Qadir, Ahmad Tamim und seit diesem Jahr auch der Konvertit „Bilal“. Ihre Namen sind möglicherweise Pseudonyme. Weiterhin nahmen in der Vergangenheit bekanntere Akteure aus dem Bereich des legalistischen Islamismus an Videokonferenzen mit GI teil wie die Islamwissenschaftler Stef Keris (DMG Braunschweig) und Frank Bubenheim sowie der Leiter der Plattform Realität Islam, Suhaib R. Hoffmann, von denen letzteres ebenfalls der HuT zugerechnet wird.

Inhaltliche Ausrichtung von GI

Die inhaltliche Ausrichtung von GI orientiert sich einerseits an den islamischen Vorstellungen, die mit der HuT in Verbindung gebracht werden und andererseits auch am aktuellen Tagesgeschehen. Die Akteure von GI nutzen dabei gezielt polarisierende Themen, um diese in emotionalisierender und einseitiger Sprache oder Inszenierungen zu instrumentalisieren. Auch durch Kampagnenarbeit machte die Gruppe auf sich aufmerksam: 2018 schaffte es GI mit dem „Hashtag“ #NichtohnemeinKopftuch in die Trends von Twitter, nachdem zuvor die nordrhein-westfälische Landesregierung über ein Kopftuchverbot für muslimische Mädchen unter 14 Jahren diskutiert hatte.

Prinzipiell gehören Diskriminierung von Muslim*innen und Rassismus, der Nahostkonflikt und andere kriegerische Konflikte in muslimischen Ländern sowie Unterrichtseinheiten zum Islam und existenziellen Fragen zu den Hauptthemen, die GI auf ihren Internetseiten auch mit historischen Analogien behandelt. Dabei betonen die Macher vor allem die „muslimische Identität“ und zeichnen ein Freund-Feind-Bild zwischen Jüd*innen und Christ*innen auf der einen Seite und Muslim*innen auf der anderen. Muslim*innen wird dabei im Besonderen eine Opferrolle zugeschrieben, da sie ausgeschlossen, entrechtet oder drangsaliert würden. Der „Westen“ nutze seine globale Dominanz zur Unterdrückung von Muslim*innen aus. Vor allem Israel wird wiederkehrend thematisiert und als Hauptverursacher palästinensischen Leids dargestellt.

Entwicklungslinien

GI hat in den vergangenen Jahren in den sozialen Medien erheblich an Zulauf gewonnen. Auf YouTube hat die Gruppe knapp 47.000 Abonnent*innen, auf Instagram rund 67.000 und auf Facebook etwa 66.000 Follower*innen. Damit erhält GI ein erhebliches Einflusspotenzial auf muslimische bzw. migrantisch gelesene Diskurse im Internet, bei denen vor allem Jugendliche in Gefahr geraten, sich mit den einseitigen Botschaften zu identifizieren.

Neben den quantitativen Zuwächsen im Internet scheint GI auch die Netzwerkarbeit zu anderen Akteur*innen wie aus dem Umfeld der Föderalen Islamischen Union zu verstärken. Diese verfügt mit Marcel Krass und Dennis Rathkamp über zwei Vorsitzende, die vormals eigentlich dem salafistisch orientierten Milieu zuzurechnen waren. Diese und andere Netzwerke zeigen, wie dynamisch sich die islamistische Szene in den vergangenen Jahren entwickelt und wie die zunehmende Professionalisierung von Akteur*innen und der Medienarbeit zu neuen Kooperationen und Allianzen führen.

Quellenverweise: