Podcast KN:IX talks

Folge #11 | Das Widerstandsdispositiv. Die Instrumentalisierung der Angst

Zur Interaktion zwischen rechtem Vigilantismus und islamistischem Extremismus

In der vierten Staffel von KN:IX talks widmen wir uns Themen, die für mehrere unterschiedliche extremistische Strömungen relevant sind und beispielsweise sowohl in rechtsextremen Phänomenbereichen als auch im religiös begründeten Extremismus vorkommen. Das sogenannte Widerstandsdispositiv beschreibt die Gesamtheit aktionistischer und ideologischer Phänomene, die sich auf ein Recht auf Widerstand berufen, um extremistische Äußerungen und Gewalt zu rechtfertigen. Das Widerstandsdispositiv ist ein sogenanntes Brückennarrativ, das von völkischen Nationalist*innen, christlichen Fundamentalist*innen, Islamist*innen, Akteur*innen der Neuen Rechten und der anti-imperialistischen Linken sowie von radikalisierten Impfgegner *innen, Pandemieleugner*innen und Verschwörungsideolog*innen bedient wird. Es kann eine reaktive Co-Radikalisierung zwischen unterschiedlichen extremistischen Strömungen bedingen und wird besonders häufig als Legitimationsmotiv für Gewaltanwendung verwendet.  In der elften Folge von KN:IX talks sprechen wir mit Dr. Elisabeth Nössing daher über Unterschiede und Parallelen in der Nutzung des Widerstandsdispositivs von rechtsextremistischen und islamistischen Gruppen. Wir reflektieren außerdem, welche Konsequenzen sich für die Präventions- und Distanzierungsarbeit ergeben, wenn extremistische Akteur*innen Narrative verwenden, die explizit vom Gedanken des Widerstands geleitet sind.

Im Podcast zu Gast

Dr. Elisabeth Nössing ist Islamwissenschaftlerin und Sozialanthropologin. Im Rahmen Ihrer Promotion hat sie eine ethnografische Studie mit dem Titel „From Camps to Urban Enclaves: Accommodating Syrian Refugees in Berlin (2016–2019)” vorgelegt, diese setzte sich mit der Unterbringung syrischer Geflüchteter in Berlin im Kontext von Integration auseinander. Sie ist assoziierte Forscherin am Institut für Studien zum Nahen Osten und zu muslimischen Gesellschaften der Universität Bern und hat zu aktuellen Entwicklungen im islamischen Recht publiziert.

Transkript zur Folge

(O-Töne, Musik im Hintergrund)

Dr. Elisabeth Nössing: Ohne Bedrohungsszenarien gibt es keinen Vigilantismus. Die Vigilanten, die brauchen in erster Linie mal so ein Bedrohungsszenario, um dann in einem zweiten Schritt die Gewalt, die sie ausüben, legitimieren zu können. Und genau aus diesem Grund und weil man da ebenso eine Co-Radikalisierung befürchtet, beobachtet man diese Gruppen und beobachtet man diese Gruppen mit Sorge.

 

Charlotte Leikert (Intro KN:IX Talks): Herzlich willkommen zu dem Podcast zu aktuellen Themen der Islamismusprävention. Bei KN:IX talks sprechen wir über das, was die Präventions- und Distanzierungs-Arbeit in Deutschland und international beschäftigt. Für alle, die in dem Feld arbeiten oder immer schon mehr dazu erfahren wollten: Islamismus, Prävention, Demokratieförderung und politische Bildung. Klingt interessant? Dann bleiben Sie jetzt dran und abonnieren Sie unseren Kanal KN:IX talks. Überall da, wo es Podcasts gibt.

 

Sophie Scheuble (KN:IX): Hallo und herzlich willkommen zu KN:IX talks. Mein Name ist Sophie Scheuble und zusammen mit meiner Kollegin Svetla Koynova bin ich verantwortlich für die Podcast-Folgen von Violence Prevention Network. In dieser Staffel geht es um die sogenannten phänomenübergreifenden Themen, das heißt solche Themen, die für mehrere extremistische Strömungen relevant sind. Dafür haben wir uns heute eine Gästin zum Gespräch eingeladen, und zwar die Islamwissenschaftlerin und Sozialanthropologin Dr. Elisabeth Nössing. Elisabeth ist auch die Autorin unserer diesjährigen KN:IX-Analyse zum Thema Widerstandsdispositiv. In unserem heutigen Gespräch mit ihr konzentrieren wir uns also auf genau dieses Thema. Aber um den Begriff des Widerstandsdispositiv zu entschlüsseln, sind vor allem zwei Punkte wichtig: Sich selbst als Rebell oder Rebellin oder Widerständler*in gegen eine wie auch immer geartete Unterdrückung zu sehen, bietet zum einen eine ideologische und persönliche Rechtfertigung für verschiedene Formen von politischem oder religiösem Kampf. Wenn man herrschende Strukturen in Frage stellt und deren Legitimität in Frage stellt, muss das nicht unbedingt menschenfeindlich oder direkt verfassungsfeindlich sein. Aber gerade weil Identifikation mit Unterdrückten, die auch für Gerechtigkeit kämpfen, so bewegend und sinngebend sein kann, nutzen verschiedene extremistische Akteur*innen natürlich oft Erzählungen vom Widerstand. Um Menschen zu rekrutieren zum Beispiel, und später weiterhin für die eigene Ideologie motiviert zu halten. Und zum Zweiten: Wenn wir uns die Organisationen angucken, die sich dieses Widerstandsmotiv auf die Fahnen schreiben, sehen wir die verschiedenen Online-Aktivitäten über die, die sich mobilisieren und austauschen und andererseits die verschiedenen Positionierungen in der Offline-Welt. Und diese Verschränkung zwischen Offline-Aktivitäten, Handlungen und Erzählungen und allem, was online passiert, nennen wir Dispositiv. Das Widerstandsnarrativ grundsätzlich ist eins, das von Forscher*innen oft als Brückennarrativ bezeichnet wird – weil es – so ist die Metapher, eine Brücke zwischen verschiedenen extremistischen Strömungen darstellt und eben nicht nur von einer extremistischen Strömung vereinnahmt wird.

 

(Musik)

 

Svetla Koynova (KN:IX): Wir haben die Autorin Elisabeth Nössing eingeladen, um uns davon zu erzählen und mit uns über die verschiedenen Ausprägungen des Widerstandsdispositivs zu sprechen. Danke, dass du dich auf dieses Gespräch eingelassen hast, Elisabeth.

 

Dr. Elisabeth Nössing: Ja. Hallo! Ja. Ich freue mich, dabei zu sein. Beim KN:IX-Podcast.

 

Svetla Koynova (KN:IX): Kannst du vielleicht auch noch mal für dich sagen: Was verstehst du unter Widerstandsdispositiv und inwiefern lässt sich das eigentlich von der anderen Begrifflichkeit  abkapseln? Nämlich die Begrifflichkeit des Vigilantismus, über die du ja auch ganz viel schreibst.

 

Dr. Elisabeth Nössing: Das Widerstandsdispositiv ist ein Begriff, den man verwendet, um Praktiken, um Handlungen, um Wortmeldungen einzuordnen. Die man jetzt bei ganz vielen verschiedenen Gruppierungen oder auch Einzelpersonen finden könnte. Und Vigilantismus, das ist ein Begriff für eine Art von Extremismus, also politischer Gewalt oder sozialer Gewalt, die man in den letzten Jahren vermehrt in Deutschland gefunden hat. Dieser Begriff Vigilantismus wurde eigentlich in der Forschung zu Gewalt besonders gegen Migranten und Flüchtlinge eingeführt. Das waren zum Beispiel Bürgerwehren, das waren Einzelpersonen, die sich immer wieder, wie das Wort Bürgerwehr schon sagt, sich als Bürger dargestellt haben und gesagt haben: „Wir machen jetzt was, weil der Staat versagt. Wir handeln jetzt anstelle des Staates.“ Und das ist so eigentlich das ganz große oder das ganz zentrale Merkmal eigentlich vom Vigilantismus und das den Vigilantismus auch von anderer extremistischer politischer Gewalt unterscheidet, die sich oft gegen den Staat, gegen eine soziale Ordnung wendet. Der Vigilantismus versucht gerade diese soziale oder politische Ordnung, die er in Gefahr sieht, ja zu bewahren. Der legitimiert Gewalt dadurch, dass er sagt: ,Wir müssen die Ordnung aufrechterhalten‘.

 

Svetla Koynova (KN:IX): Ich wollte noch mal ganz kurz auf das Feindbild eingehen. Was ist denn das Feindbild, was Vigilantist*innen der rechten Richtung sozusagen heraufbeschwören?

 

Dr. Elisabeth Nössing: Ja, also seit 2015 waren das zentrale Feindbild besonders Geflüchtete. Es war vor allem Gewalt gegen Geflüchtete, Geflüchtetenunterkünfte, dann auch Helfer, Initiativen und auch Politiker, die jetzt sozusagen als Flüchtlinge befürwortend, wahrgenommen worden sind und in diesem Bereich dann auch ganz stark eigentlich Muslime. Das war eine Idee von der Überfremdung, von einer islamischen Eroberung oder eines islamischen Eroberungszuges, der da über Deutschland hereingebrochen ist. Also es kam dann auch zu einer Rassifizierung der Zuschreibung Muslim oder Muslima. Also der Begriff Muslim oder Muslimin wurde dann nicht mehr verwendet in diesen Kreisen, in diesen Blasen und in diesen Internet-Communities, als ein Begriff für einen Gläubigen oder eine Gläubige und eine Community, eine Glaubenscommunity, sondern von Menschen mit einem Hintergrund, der dann auch wie ein rassisches Merkmal gelesen wurde. Was seit 2015 verstärkt in Deutschland beobachtet worden ist und dem Widerstandsdispositiv entspricht, ist dass Vigilanten sich sehr gerne als Widerständler positionieren. Also sie sehen sich also als die, die auf der Seite der Gerechten stehen und die sozusagen das Staatshandeln und das Versagen des Staates sozusagen ausbügeln müssen. Und unter anderem hat man auch bei Demonstrationen die Wirmer-Flagge beobachtet. Also das ist ein Widerstandssymbol. Also diese diese Gruppierungen stellen sich sozusagen in die Tradition des anti-nationalsozialistischen Widerstandes.

 

Svetla Koynova (KN:IX): Das ist sehr spannend, ja.

 

Dr. Elisabeth Nössing: Die Wirmer-Flagge – das war eine Flagge, die kreiert worden ist von einem Herrn Wirmer und die wenn das Stauffenberg-Attentat geglückt wäre, hätte das die neue Nationalflagge werden sollen. Genau. Das heißt, Menschen heute, die wir als rassistisch einordnen würden, die stellen sich in eine Tradition, die sich gegen den Antisemitismus wandte oder gegen einen Staat, der ganz stark antisemitisch war und für den Genozid von Millionen Juden verantwortlich zu machen ist. Vigilantisten sehen sich als Teil einer Etabliertengruppe, zum Beispiel: ,Wir sind das Volk‘. Das wäre jetzt so ein Ausspruch. Diese Etabliertengruppe, die wendet sich gegen eine Minderheit, die auch erkennbar ist und meistens eine unterprivilegierte Minderheit ist. Die wendet sich auch oft gegen den Staat. Es ist dann so, dass der Staat oft repressiv, auf die Gewalt der Vigilantisten und Vigilantistinnen antwortet. Und es kann auch sein – das hat die Forschung ergeben – dass die Gruppe, die dann Zielscheibe ist, dieser vigilantistischen Gewalt, dass auch die gewalttätig werden und es zu einer Gewaltspirale kommt, weil sie sich eben dieser vigilantischen Gewalt ausgeliefert fühlen.

 

Svetla Koynova (KN:IX): Aus Erfahrung unserer Kolleg*innen in der Beratungspraxis haben wir Beobachtungen, dass die Faktoren, die Radikalisierungsverläufe begünstigen, in der Regel sehr komplex sind und auch sehr individuell. Und dass die Gründe, warum sich eine Person extremistischen Ideologien zuwendet, ganz unterschiedlich sein können. Welche Motivation oder welche Faktoren liegen deiner Einschätzung zufolge bei Personen zugrunde, die sich vigilintistischen Gruppierungen anschließen? Was hat deine Recherche dahingehend ergeben?

 

Dr. Elisabeth Nössing: Diese die Forschung zu vigilantistischer Gewalt in Deutschland hat beobachtet, dass es ab 2015 Menschen waren, die teilweise schon vorher in rechtsextremen Gruppierungen oder Strukturen aktiv waren und teilweise eben Menschen, die das nicht waren. Also dass es da, dass dieRechten dann wie eigentlich ihren Einflussraum ausbreiten konnten oder dass sie da eigentlich viele Menschen vereinnahmen konnten vielleicht. Es ist auch so, dass Vigilantismus sich nicht der Symbole bedienen, die jetzt zum Beispiel also neonazistische Gruppierungen verwenden und einfach viel stärker anschlussfähig ist, weiler sich meistens sehr stark als, also so als bürgerliches Phänomen artikuliert. Und auf der anderen Seite, dass da auch Menschen dazukommen, die schon ganz lange irgendwie in rechten, rechtsextremen Zirkeln aktiv waren und vielleicht auch schon polizeilich bekannt waren.

 

Svetla Koynova (KN:IX): Ich sehe hier auch auf jeden Fall Parallelen, wenn du davon sprichst, sich verlassen zu fühlen, vom Staat verlassen zu fühlen. Im Rahmen unserer KN:IX-Survey befragen wir ja auch jedes Jahr Präventionsakteur*innen und Ausstiegsbegleiter*innen und -berater*innen nach ihren Bedarfen, wenn es um den Phänomenenbereich religiös-begründetem Extremismus geht. Und die Bedarfsanalysen in den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass antimuslimischer Rassismus und Gewalttaten gegenüber Muslim*innen wiederum das zentrale Ansprechthema für die islamistischen Akteur*innen war. Das heißt, es wird ein Einstieg über Themen angestrebt, die eben für diese Zielgruppe besonders anschlussfähig sind und die für viele Muslim*innen in Deutschland leider alltags- und lebensrelevant sein können. Und die islamistischen Akteur*innen stellen sich selbst so dar, als wären sie ein Schutzraum für die Betroffenen von Diskriminierung. Inwiefern sind diese Entwicklungen als Reaktion auch auf vigilantistische Gruppierungen zu verstehen und inwiefern lassen sich hier auch Parallelen zwischen den unterschiedlichen Narrativen machen?

 

Dr. Elisabeth Nössing: Es hat sich wirklich gezeigt, dass eben durch diese rechten Diskurse, die den Islam und die Muslime als etwas Fremdartiges darstellen, auch immer sehr stark als Problem, als Feindbild darstellen. Dass das bei Jugendlichen wirklich auch ein Gefühl von Nicht-Zugehörigkeit hervorruft und dass dieser rechte Diskurs, der aber sehr stark eigentlich einen Einfluss gefunden hat in den Medien, dass der eigentlich genutzt werden kann von den Islamisten dann wieder auf der anderen Seite, um den Jugendlichen zu sagen „ja guck mal an, Muslime werden ja von der von der deutschen Gesellschaft so als Problem gesehen. Und alle die jetzt nicht einen weichgespülten Islam, der irgendwie konform ist den Vorstellungen der Bundesregierung oder irgendwelcher… der Islamkonferenz, zum Beispiel. Ja alle die die davon abweichen werden sofort in die Extremismusecke gestellt“, dass das eine Reaktion ist auf und anknüpft eben an einen rechten Diskurs, der den islam und muslime als Feindbilder sieht und es erst möglich macht eigentlich. Was wir gemacht haben war, drei Gruppen, die sich im Umfeld von Hizb-ut-Tahrir bewegen, das ist eine verbotene, verbotene islamistisch extremistische Gruppierung, zu beobachten. Das sind Generation Islam, Realität, Islam und Muslim Interaktiv. Generation Islam und Realität Islam gibt es bereits seit 2013-2015. Es gab auch bereits frühere Facebookgruppen unter den selben Namen und es sind also so Social-Media-Kanäle, die schon länger aktiv sind und hingegen Muslim Interaktiv ist eine sehr junge Erscheinung, also eine sehr aktuelle Erscheinung. Muslim Interaktiv wurde 2020 im März gegründet und da fällt wirklich eine ganz starke zeitliche Nähe zu den Attentaten von Hanau auf. Alle drei Gruppierungen werden eben in dieses Umfeld von Hizb-ut-Tahrir eingeordnet und man findet Tatsache auch gewisse Hashtags, die die wirklich teilen und gewisse Themen, die sie teilen. Zum Beispiel wie sie über den Palästinakonflikt sprechen, über die NATO und amerikanische Außenpolitik im Nahen Osten zum Beispiel, über Islam-Politik in Deutschland und auch Frankreich und Österreich zum Beispiel. Generation Islam und Realität Islam sind aufgefallen, als die eine virale Kopftuchdebatte gegen ein Gesetzesvorhaben in Österreich durchgeführt haben. Die haben dann 173.000 Unterschriften gesammelt und das war eigentlich so ein Moment, wo viele Beobachter gesagt haben Oh, hoppla, die können ja was. So, also die machen nicht nur ein bisschen Meinungsbeeinflussung im Internet und ein bisschen Social Media, sondern die können auch durch realweltliche Aktionen, Unterschriftenaktionen, wirklich richtig viele Menschen eigentlich mobilisieren. Genau. Und Muslim Interaktiv ist eben ein ganz aktuelles Phänomen und Muslim Interaktiv – Ich würde sagen, die setzen einen Schwerpunkt noch viel stärker auf Gewalt gegen Muslime als die beiden anderen Gruppierungen.

 

Svetla Koynova (KN:IX): Das heißt, du gehst eigentlich davon aus, dass sie Widerstand auf jeden Fall als Rechtfertigung nutzen? Hier spreche ich jetzt von Muslimen Interaktiv.  Du ordnest sie allerdings in deiner Analyse als nicht vigilantistisch ein.

 

Dr. Elisabeth Nössing: Genau. Also bei allen drei Gruppierungen muss man ganz klar sagen, die rufen nicht zu Gewalt auf. Also das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Denn wir Vigilantismus ist per Definition ein sehr gewaltaffiner, also eine sehr gewaltaffine Spielart von politischer oder rechter Gewalt, also Vigilantismus ist per Definition gewaltbereit. Und diese Gruppierungen rufen nicht zu Gewalt auf. Also sie verwenden auch keine diffamierende Sprache zum Beispiel.

 

Svetla Koynova (KN:IX): Du hattest auch andere Punkte identifiziert, glaube ich, anhand von denen du sie dann auch als nicht vigilantistisch eingeordnet hast.

 

Dr. Elisabeth Nössing: Genau. Also der Unterschied zwischen dem, wie diese drei Gruppierungen Generation Islam, Realität, Islam und Muslim Interaktiv des Widerstandsdispositiv für sich verwenden – ja als Widerstand gegen Ungerechtigkeit gegen Muslime, gegen Hass, gegen Rassismus, gegen Gewalt. Da ist ein wichtiger Unterschied zu dem, wie das die Rechten machen. Denn diese islamistisch extremistischen Gruppierungen, die positionieren sich als Beschützer einer Minderheit oder Teil einer Minderheit. Und hingegen, im rechten Spektrum ist es eine Gruppe, die sich als Etabliertengruppe sieht, die sich als die angestammte Gruppe sieht.

 

Svetla Koynova (KN:IX): Geh direkt darauf ein auf die Besonderheiten eines solchen Rechtefertigusssystems. Also, wenn ich ein Mensch bin, der sich angezogen fühlt von dieser Art von Rechtfertigungssystem, wenn ich mich selbst als Widerständler verstehe, als jemand, der sich gegen ein Unrecht wendet, welche Implikationen hat das dann für die Entwicklung der Präventionsarbeit? Also wie können wir solche Menschen ansprechen und wie können wir ihnen vielleicht auch eine Alternative außerhalb von extremistischen Strömungen anbieten?

 

Dr. Elisabeth Nössing: Also Menschen, die sich von diesem Widerstandsdispositiv angezogen fühlen, die haben oft ein sehr starkes Unrechtsempfinden. Und da ist es in der Präventions- oder Distanzierungsarbeit wichtig, dass man das anspricht. Also dass man dieses Unrechtsempfinden zu einem gewissen Teil auch vielleicht den Personen zugesteht und also mit ihnen darüber spricht. Okay, woher kommt, woher kommt dieses Unrechtsempfinden und ja, welche Möglichkeiten gibt es vielleicht außerhalb von radikalen Gruppen, sich zu engagieren oder am Ende ja damit umzugehen? Auf jeden Fall. Und vielleicht auch mit Ihnen darüber zu sprechen, ob das vielleicht auch beeinflusst ist von einem Newsfeed, den Sie auf Ihrem Handy haben und wo Sie mit Nachrichten konfrontiert werden, die eben dieses Unrechtsempfinden, das sich vielleicht von einzelnen persönlichen Erfahrungen speist, dann auch noch mal sozusagen, dass dieser Newsfeed einfach Öl ins Feuer gießt.

 

Svetla Koynova (KN:IX): Und du hattest auch in deiner Analyse mehrere Punkte allerdings auch gemacht über Strategien, die aus deiner Sicht nicht so erfolgsversprechend sind, wenn es sich um diese besondere Zielgruppe handelt. Magst du dazu noch ein bisschen was sagen?

 

Dr. Elisabeth Nössing: Genau. Eine, eine Besonderheit in Bezug auf diese Online Aktivitäten von Realität Islam, Generation Islam und Muslim Interaktiv ist wirklich, dass die sich nicht als Extremisten zu erkennen geben und dass die Jugendlichen wahrscheinlich sehr oft gar nicht wissen, dass das eben nicht andere Jugendliche sind, die sich eben politisch sozial engagieren, sondern dass das extremistische Akteure mit einer Agenda sind, die da versuchen, ihre Sympathien zu gewinnen. Es ist auch so, dass Generation Islam und Realität Islam wie am Muslim Interaktiv, dass die durch dieses Funktionieren dieser Social Media ganz viele Jugendliche erreichen, die sie gar nicht ihre Follower sind also Realität. Islam hat etwa 66.500 Follower und Generation Islam und Muslim Interaktiv viel weniger. Muslim Interaktiv hat auf Instagram etwa 8000 Follower. Aber es ist eben wirklich zu beachten, dass die dann auch, also bei Likes oft viel, viel höhere Zahlen haben. Auch über 20.000 Likes für verschiedene Videos. Und man muss eigentlich davon ausgehen, dass die Jugendlichen mit diesen Contents in Berührung kommen und eigentlich diese Kanäle gar nicht kennen. Also die kennen gar nicht den Kontext, aus dem diese Videos oder Contents rauskommen. Ja, die kennen die Akteure nicht, die wissen nicht welche anderen Videos und und Contents die sonst so produzieren. Und die kriegen also von diesem Algorithmus so einen eigenen Content hingeworfen. Vielleicht ein Video, das nur wenige Minuten lang ist, irgendwie anderthalb Minuten oder irgendwie ein cooles Foto, das eigentlich total nach so urbaner Jugendkultur aussieht. Oder vielleicht ein Gewinnspiel, wo man ein Hoodie gewinnen kann oder eine Deutschlandkarte mit den Schauplätzen antimuslimischer Gewalt oder rassistischer Gewalt. Also dass die also in Berührung kommen mit diesen Contents und die Akteure gar nicht zuordnen können. Und dass darum eigentlich Distanzierungs- oder Präventionsarbeit sehr stark sich damit auseinandersetzen muss mit Fragen wie „Wie können Jugendliche sensibilisiert werden dafür, dass das extremistische Beiträge sind mit einer gewissen Agenda dahinter?“ Und dass die Jugendlichen eben dafür sensibilisiert werden, dass auch wenn jemand Erfahrungen anspricht, die sie kennen, rassistische Erfahrungen, also Erfahrungen mit rassistischer Gewalt, mit antimuslimischer Gewalt. Dass es denn nicht unbedingt auch Menschen sind, die sich vielleicht für ein friedliches Miteinander einsetzen. Einerseits ist es so, dass diese Akteure, die ein Bedrohungsszenario entwickeln oder  die entwerfen, so ein Bedrohungsszenario, dass dann vielleicht in einem zweiten Schritt die Legitimation von Gewalt möglich machen könnte. Also das ist ein Punkt, warum man, warum man diese Gruppierungen beobachten möchte. Aber sie eröffnen auch wie so einen Raum um über.. Also sie machen es auch möglich, eben durch den Entwurf von diesem Bedrohungsszenario auch Dinge, also Vorschläge zu machen, die vielleicht vorher gar nicht sagbar waren. Und was jetzt auffällt, ist hier wieder eine Parallele zum Vigilantismus, auch Vigilantismus, der baut eigentlich immer auf einem Bedrohungsszenario auf. Also ohne Bedrohungsszenarien gibt es keinen Vigilantismus. Die Vigilanten, die, die brauchen in erster Linie mal so ein Bedrohungsszenario, um dann in einem zweiten Schritt in also die Gewalt, die sie ausüben, legitimieren zu können. Und genau aus dem selben Grund und weil man da eben so eine Co-Radikalisierung befürchtet, ja, und das ist auch eine Befürchtung, die aus der Praxis kommt: darum beobachtet man diese Gruppen und beobachtet man diese Gruppen mit Sorge. Weil die so eine eine Online-Blase entwerfen, wo dann eben durch solche Gruppendynamiken Radikalisierung stattfinden kann.

 

Svetla Koynova (KN:IX): An wen wenden sich die Kanäle an erster Stelle? Und was ist aus deiner Sicht spezifisch für die deutsche Szene?

 

Dr. Elisabeth Nössing: Muslim Interaktiv wendet sich sehr stark an ein an ein Publikum von jungen Muslimen, wendet sich an ein Publikum von jungen Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind und einen muslimischen Background haben und die vielleicht gar nicht mal Arabisch sprechen oder Türkisch oder Persisch und die vielleicht auch gar nicht die Medien konsumieren und die Diskurse kennen, die in den Heimatländern ihrer Eltern oder Großeltern ja gepflegt werden. Also das das, weil ich finde das ist sehr, also das Muslim Interaktiv und auch Realität Islam und Generation Islam, die nehmen sehr stark Bezug auf den innerdeutschen Diskurs über Islam und die nehmen sehr stark Bezug auf die Erfahrungen, die Muslime und Musliminnen in Deutschland machen und die Beiträge, die man findet zu Palästinensern in Israel oder Uiguren in China – das sind wirklich so kleine Versatzstücke, die so ein bisschen zeigen: „So, na ja – Guckt mal, Muslime werden ja auch anderswo in der Welt Opfer von Ungerechtigkeit oder Opfer von Gewalt.“ Und aber den Diskurs, den die bedienen, an denen sie anknüpfen, das ist ganz stark innerdeutscher Diskurs. Und auch sprachlich gesehen, wenn man sich diese Beiträge anguckt, das ist eine absolute deutsche Mainstream-Medien-Sprache, die sie verwenden, ein paar jugendsprachliche Ausdrücke vielleicht. Das ist eine Sprache, wo zum Beispiel, auch sehr wenig arabische Versatzstücke verwendet werden. Manchmal, wenn die den Namen des Propheten nennen, dann sagen sie irgendwie sallahu aleyhi wa salim (Anm. der Redaktion: „Möge Allahs Segen und Frieden auf Ihn sein“), also diesen kleinen arabischen Ausspruch, den man immer verwendet, wenn man im Arabischen oder wenn Muslime den Namen des Propheten nennen. Aber auch manchmal solche arabische Ausdrücke wie mashallah/inshallah (Anm. der Redaktion: „Wie Gott wollte“ als Ausdruck wohlwollenden Erstaunens/“So Gott will“ als Ausdruck hoffnungsvollen Erwartens), aber das ist ein deutscher Diskurs, auf die sie, auf die sie Bezug nehmen, und es ist die deutsche Sprache, die sie verwenden, und sie wenden sich auch an ein Zielpublikum, das in Deutschland aufgewachsen ist und vielleicht der arabischen Sprache oder der türkischen oder persischen Sprache gar nicht so wirklich mächtig ist. Also diese extremistischen Akteure, die greifen ja tatsächliche Erfahrungen auf von Jugendlichen. Und ich glaube, dass es da wirklich wichtig ist, diesen antimuslimischen Rassismus mit den Jugendlichen zu besprechen und ihnen nicht zu versuchen, das abzusprechen. Diese Erfahrungen, die sie haben, einfach deligitimieren, weil die jetzt von extremistischen Akteur*innen hier so verwendet werden oder genutzt werden, um Sympathien hervorzurufen, sondern dass es wichtig ist, den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, darüber zu sprechen.

 

(Abspann Musik)

 

Charlotte Leikert (KN:IX): Sie hörten eine Folge von KN:IX talks, dem Podcast zu aktuellen Themen der Islamismusprävention. KN:IX talks ist eine Produktion von KN:IX, dem Kompetenznetzwerk „Islamistischer Extremismus“. KN:IX ist ein Projekt von Violence Prevention Network, ufuq.de und der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus, kurz BAG RelEx. Ihnen hat der Podcast gefallen? Dann abonnieren Sie unseren Kanal und schauen Sie auf www.kn-ix.de vorbei. Sie wollen sich direkt bei uns melden? Dann schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an info@kn-ix.deKN:IX wird durch das Bundesprogramm Demokratie Leben! des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Weitere Finanzierung erhalten wir von der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration in Sachsen-Anhalt, der Landeskommission Berlin gegen Gewalt und im Rahmen des Landesprogramms „Hessen – aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“.

 

(Abspann Musik)

Weiterführende Links

Meiering, David/Dziri, Aziz/Foroutan, Naika/Teune, Simon/Lehnert, Esther/Abou-Taam, Marwan (2018): „Brückennarrative – Verbindende Elemente für die Radikalisierung von Gruppen“ als PRIF Report 7/2018 in der Report-Reihe Gesellschaft Extrem, https://www.hsfk.de/fileadmin/HSFK/hsfk_publikationen/prif0718.pdf.

Nössing, Elisabeth (2022): KN:IX Analyse #6. Das Widerstandsdispositiv im islamistischen Extremismus, https://kn-ix.de/publikationen/analyse-6/.

Den Podcast hören auf