#schongelaufen – Religion als Herausforderung – Zum Umgang mit Religion und Religiosität im Beratungskontext der Sekundär- und Tertiärprävention

Inwiefern kann und soll Religion in Distanzierungs- und Deradikalisierungsprozesse einbezogen werden? Die Frage nach der Gewichtung von Religion, in diesem Fall dem Islam, führt immer wieder zu kontroversen Debatten. Die Einbeziehung religiöser Themen kann Risiken, aber auch Chancen für die Distanzierungsberatung eröffnen.

Im Rahmen des Online-Workshops am 5. Mai 2022 kamen Fachkräfte aus dem Bereich der Sekundär- und Tertiärprävention zusammen, um gemeinsam über neue Ansätze und Methoden eines differenzierten Umgangs mit dem Thema Religion im Beratungssetting in den Austausch zu kommen.

Zu Beginn der Veranstaltung lieferte Michael Utsch (Psychologe, Psychotherapeut und Religionspsychologe) einen Input aus einer religionssoziologischen Perspektive zum Thema. Nach einer Einführung zur Bedeutung von Religion im 21. Jahrhundert diskutierte Utsch die Herausforderungen und Chancen einer Auseinandersetzung mit Religion und Religiosität in der psychosozialen Beratung. Deutlich wurde, dass es dabei einer aktiven Gestaltung bedarf, die sich durch einen gemeinsamen Dialog, Transparenz und Toleranz für die jeweils verschiedenen Glaubensgrundsätze auszeichnet, ohne dabei den eigenen Glaubensanspruch aufgeben zu müssen. Auch wenn Glaube und Religion nicht immer eine Rolle spielen, können sie in der Psychotherapie einerseits ein Risiko- und Belastungsfaktor sein. Andererseits kann der Glaube eine schützende Funktion innehaben und als wichtige Ressource Teil einer Lösung sein. Relevant ist es daher, einen kulturell/spirituell sensiblen Ansatz zu verfolgen und Kompetenzen im Umgang mit unterschiedlich spirituell geprägten Klient*innen auszubauen. Voraussetzung dafür ist die Reflexion und Transparenz des eigenen Glaubens und die Möglichkeiten des Austauschs bei religionssensiblen Supervisionen. Zudem sollte der Beratungsauftrag der Klient*innen immer im Zentrum stehen. Gemeinsam können Klient*innen und Berater*innen für die jeweilige Beratungssituation erarbeiten, welche Rolle Glaube und Spiritualität in der Beratung spielen können und sollen.

Im zweiten Teil der Veranstaltung stellten Jannike Keil (Sozialarbeiterin) und Ahmed Al-Rashed (Religions- und Politikwissenschaftler) von der Beratungsstelle ADERO (VAJA Bremen) ihre Erfahrungen aus der Beratungspraxis vor. Religion und Religiosität ist Teil der Lebenswelt vieler Menschen. In einer qualitativen Befragung durch VAJA-Sozialarbeiter*innen im Rahmen leitfadengestützter Interviews wurde deutlich, dass Religion und Glaube für die befragten Jugendlichen im Alter von 13-24 Jahren mit einem mehrheitlich muslimischen Hintergrund eine wichtige Rolle im Alltag spielen. Der Glaube wird dabei altersgerecht individualisiert ausgelegt. Die Alltagsstrukturen sind geprägt von den religiösen und kulturellen Hintergründen der Familien. Religiöse Räume werden für religiöse, soziale und kulturelle Aktivitäten genutzt. Die Befragten fühlten sich wertgeschätzt, weil sie gehört wurden,  und seitens des Projekts Interesse an diesem Aspekt ihrer Lebenswelt gezeigt wurde. In diesem Zusammenhang ist es bedeutend, den gesellschaftlichen Blick auf Religion und den oftmals präsenten gesellschaftlichen bias gegenüber Religionen bis hin zu antimuslimischem Rassismus mitzudenken. Auch diese Erfahrungen sind mitunter wichtiger Teil der Lebenswelt der Klient*innen. In der Beratungsarbeit braucht es daher eine „religiöse Musikalität“. Die Reflexion der eigenen Meinung und Wahrnehmung sowie eigener Vorurteile ist ebenso wichtig wie eine grundsätzliche Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Vielfalt. Hilfreich kann es sein, bei Bedarf die eigene sozialpädagogische Herangehensweise durch externe Netzwerkpartner*innen mit einer religiösen Perspektive zu ergänzen und Räume und Möglichkeiten für Reflexion und Auseinandersetzung mit Religion und Religiosität zu schaffen.

 

Zentrale Diskussionspunkte:

  • Religion ist Teil der Lebensrealität der Jugendlichen.
  • Religion kann als Ressource genutzt werden.
  • Einbezug von Religionssoziologie kann förderlich sein.
  • Sprachfähigkeit über Religion und religiöse Themen erlernen, häufig sehr geringe weltanschauliche Sprachkompetenz
  • Religionssensible Fallbesprechung

 

AUSBLICK

Das große Interesse an dem Thema der Veranstaltung und die Nachfrage nach Austauschformaten wird aufgegriffen und eine Vertiefung bei weiteren Veranstaltungen angestrebt. Insbesondere ein Austausch über Ansätze und Konzepte aus der Praxis zeichnete sich als Bedarf ab.

 

Weiterführende Links und Literatur

AG Sozialisationsbedingungen des Nordverbundes (freier Zusammenschluss norddeutscher Fach- und Beratungsstellen). 2021. „Aufwachsen unter den Augen des Allmächtigen? – Eine systemische Betrachtung von Sozialisationsbedingungen in geschlossenen religiös-weltanschaulichen Familiensystemen und Anregungen aus der Resilienzforschung“, https://vaja-bremen.de/wp-content/uploads/2021/04/Aufwachsen-unter-den-Augen-des-Allma%CC%88chtigen.pdf , zuletzt abgerufen am 25.05.2022.

Mönter/Heinz/Utsch (Hg.).  2020. „Religionssensible Psychotherapie und Psychiatrie. Basiswissen und Praxis-Erfahrungen“, Stuttgart: Kohlhammer.

Utsch, Michael (Hg.). 2020. „Religiöse Psychotherapie? Seelsorge und Psychotherapie im Gespräch“, EZW-Texte Nr. 267, S. 51-69, https://www.praxis-utsch.de/assets/files/Beitrag-Ut_EZW-Texte_267.pdf , zuletzt abgerufen am 25.05.2022.

Utsch/Bonelli/Pfeifer. 2018. „Psychotherapie und Spiritualität. Mit existenziellen Konflikten und Transzendenzfragen professionell umgehen“, 2. Auflage. Berlin: Springer.

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