mit Dr. Götz Nordbruch und Dr. Asmaa Soliman | veröffentlicht 09.2025
Wie steht es um die Zivilgesellschaft in Deutschland? Welchen Herausforderungen muss sich die Präventionslandschaft aktuell stellen? Und wie können zivilgesellschaftliche Organisationen langfristig gestärkt werden? Darüber sprechen wir mit Götz Nordbruch (ufuq.de) und Asmaa Soliman (Young Post Migrant Alliances).
Dass eine starke Zivilgesellschaft für Demokratie und Extremismusprävention unverzichtbar ist, wird immer wieder betont. Dennoch geraten zivilgesellschaftliche Initiativen selbst zunehmend unter gesellschaftlichen, politischen und finanziellen Druck. Hinzu kommen aufgeheizte Diskurse rund um Diskriminierung, Social Media und strukturelle Hürden, die die Präventionslandschaft tagtäglich beschäftigen.
In Folge #35 blicken wir im Gespräch mit Götz Nordbruch auf die Vielfalt und Entwicklung der Präventionsarbeit in Deutschland. Außerdem schauen wir uns die aktuellen Bedarfe und Themen der Fachpraxis an und sprechen mit Asmaa Soliman über antimuslimischen Rassismus.
Transkript der Folge
(Musik)
Götz Nordbruch: Das finde ich wichtig, das deutlich zu machen, dass es hier nicht um Parteipolitik geht. Und es geht auch nicht darum, sich in parteipolitisches Handeln einzubringen, sondern es geht um gesellschaftliche Grundlagen, zu denen man sich positionieren muss. Und da geht es nicht um die Frage, bin ich für Rassismus oder nicht, sondern die Frage ist ganz klar, wenn ich Demokrat bin, wenn ich auf der Basis des Grundgesetzes handele, dann gibt es nur eine Antwort.
Asmaa Soliman: Es ist halt leider traurig zu sehen, dass wir immer wieder zu diesen Diskursen zurückkommen, obwohl auf der anderen Seite wir eine Anti-Rassismus-Beauftragte im Bundestag haben und es in dieser Hinsicht auch gute Entwicklungen gibt. Aber das ist halt so diese Gleichzeitigkeit von mehr Anti-Rassismus-Arbeit und mehr Rassismus und anti-muslimischen Diskursen.
Michael Beer: Hallo und herzlich willkommen zur 35. Folge von KN:IX talks. Mein Name ist Michael Beer und ich moderiere diese Folge für modus|zad.
Ob Rechtsextremismus, Islamismus oder Verschwörungsideologien: Extremismus stellt unsere demokratische Gesellschaft vor große Herausforderungen. Gerade in Zeiten politischer Polarisierung spielen daher Extremismusprävention und zivilgesellschaftliches Engagement eine zentrale Rolle. Obwohl die Zivilgesellschaft als Rückgrat einer funktionierenden Demokratie gilt, steht sie aktuell zunehmend unter Druck.
Debatten über Förderpraxis, Gemeinnützigkeit und Neutralität zeigen, wie brisant und zugleich wichtig die Arbeit zivilgesellschaftlicher Akteur:innen ist. Doch wie ist die Präventionslandschaft in Deutschland eigentlich aufgestellt und was fehlt ihr? Darüber spreche ich in dieser Folge mit dem Islam- und Sozialwissenschaftler Dr. Götz Nordbruch. Wir werfen einen Blick auf die Besonderheiten und Herausforderungen der Zivilgesellschaft und diskutieren, was sich strukturell ändern müsste, um diese langfristig zu stärken. Außerdem schauen wir uns auf Basis unserer KN:IX connect Bedarfserhebung 2025 an, welche Themen die Fachpraxis in der Islamismusprävention wirklich beschäftigen und wollen vor allem eines dieser Themen genauer beleuchten. Dafür spreche ich im zweiten Interview mit der Sozialwissenschaftlerin Dr. Asmaa Soliman über antimuslimischen Rassismus. Nun aber zum ersten Gast unserer heutigen Folge. Dr. Götz Nordbruch ist Islam- und Sozialwissenschaftler sowie Co-Leiter von ufuk.de im Projekt KN:IX connect und er kennt das Feld der Extremismusprävention seit mehreren Jahrzehnten. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Jugendkulturen zwischen Islam, Rassismus und Islamismus sowie Prävention von islamistischen Einstellungen in schulischer und außerschulischer Bildungsarbeit.
Hi Götz, schön, dass du da bist.
Götz Nordbruch: Ja, hallo, danke für die Einladung.
Michael Beer: Ja, wir wollen ja heute ein bisschen über die Zivilgesellschaft in Deutschland sprechen, vor allem im Hinblick auf die Extremismusprävention. Und was würdest du sagen, warum ist aus deiner Sicht eine lebendige Zivilgesellschaft für eine funktionierende Demokratie unverzichtbar?
Götz Nordbruch: Ich glaube in Deutschland ist das offensichtlich, wenn man in die 90er Jahre zurückguckt, in die Zeit nach den Baseballschlägerjahren, Anfang der 90er Jahre, dann waren zivilgesellschaftliche Organisationen ganz zentral für Initiativen oder für den Aufbau von Netzwerken gegen Rechtsextremismus, gegen rechte Gewalt. Und das ist natürlich in den letzten Jahren nochmal viel deutlicher geworden. Ich glaube, dass man an ganz vielen Beispielen, an ganz vielen Themen zeigen kann, dass zivilgesellschaftliche Organisationen auch so eine Sensorik haben, die oft viel, viel schneller funktioniert, als es bei staatlichen Institutionen ist.
Man kann da beispielsweise an die Reichsbürger zurückdenken. Da war beispielsweise die Amadeu-Antonio-Stiftung schon, ich glaube 2014, mit einer Publikation zu den Reichsbürgern und zu den Gefahren der Reichsbürger unterwegs. Da waren staatliche Institutionen noch gar nicht so weit, dass sie das irgendwie auf dem Schirm hatten.
Und das lässt sich auf andere Phänomene übertragen. Also ich denke da zum Beispiel an das Thema Antisemitismus, auch unter muslimischen Menschen, im muslimischen Kontext. Da war es beispielsweise die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, die Anfang der 2000er Jahre das schon als Thema auch in die öffentliche Diskussion gebracht hat.
Und staatliche Institutionen haben da viel später erst darauf reagiert. Das heißt, das ist so eine Sensorik, die die Zivilgesellschaft dort anbietet. Es ist aber auch noch mehr.
Es ist auch sowas wie so ein Korrektiv, weil natürlich die Zivilgesellschaft auch nochmal mit einem ganz anderen Blick auf bestimmte Entwicklungen schaut und da dann eben auch auf Missstände, auf staatliche Missstände, auf öffentliche Missstände schaut und diese auch benennt. Und das Dritte, würde ich sagen, ist sowas wie ein Empowerment, weil zivilgesellschaftliche Organisationen eben auch immer Strukturen sind, Foren sind, wo sich Menschen einbringen können vor Ort. Gerade da im ländlichen Raum, wo eben sonst öffentliche, staatliche Strukturen nicht so präsent sind, da bieten Vereine eben auch eine Möglichkeit, sich einzubringen, eigene Interessen zu artikulieren und auch Forderungen zu stellen und sich damit eben auch in die politische Debatte einzubringen.
Das heißt, das ist so eine Mischung aus Sensorik, Korrektiv und vielleicht eine Form von Empowerment, die die Zivilgesellschaft gerade in diesem Bereich der Demokratieförderung so wichtig macht.
Michael Beer: Jetzt ist die Extremismusprävention ja auch ein besonders sensibles, aber natürlich auch sehr wichtiges Feld. Wie würdest du sagen, ist dieses Arbeitsfeld in Deutschland aufgebaut und welche Rolle spielt die Zivilgesellschaft da drin? Und wie sieht es vielleicht auch im internationalen Vergleich aus?
Götz Nordbruch: Also gerade im internationalen Vergleich wird auch so eine Besonderheit deutlich. Also im Grunde ist das Besondere an der Extremismusprävention — und die Extremismusprävention in Deutschland bezieht sich im Grunde auf drei verschiedene Punkte. Das ist einmal die Frage, wer macht eigentlich die Prävention? Was soll eigentlich präventiv bearbeitet werden? Und wie soll das gemacht werden? Und da zeigen sich eben auch interessante Unterschiede im Vergleich mit anderen Ländern.
Also wenn es um die Frage geht, wer macht eigentlich Prävention, dann war es beispielsweise in Deutschland, habe ich eben schon angesprochen, sehr früh schon die Zivilgesellschaft, die da eine ganz wichtige Rolle übernommen hat, auch in Zusammenarbeit, aber auch in Abgrenzung zu den sicherheitsbehördlichen Einrichtungen. Und das geht im Grunde zurück auf die Zeit Anfang der 2000er Jahre. Man denkt an die Mohammed-Karikaturen-Diskussion, an die Ereignisse oder an die Anschläge in London 2005, wo so ein Bewusstsein dafür entstand, dass eben Radikalisierung (das hieß damals noch nicht so, aber also das, was man heute als Radikalisierung beschreiben würde), dass das eben auch Ursachen hier vor Ort hat.
Und das heißt, da war in Deutschland die Zivilgesellschaft sehr früh ganz weit vorne weg. Und das war ein Unterschied beispielsweise zu den Entwicklungen in Großbritannien oder in Dänemark oder in Frankreich, wo das viel stärker öffentliche Einrichtungen, Sicherheitsbehörden waren, die vorrangig für die Prävention verantwortlich gemacht wurden.
Und dann ein ganz wichtiger anderer Aspekt, was die Extremismusprävention auch zu einem sensiblen Thema macht, ist die Frage, wo zieht man eigentlich die Grenzen? Also was soll vorgebeugt werden? Wem soll vorgebeugt werden? Und da gibt es beispielsweise einen interessanten Unterschied in der Begrifflichkeit.
Also in Deutschland redet man oft von Extremismus. In anderen Ländern ist von gewaltbereitem Extremismus die Rede. Und das ist der Fokus beispielsweise in Großbritannien oder in Frankreich.
Das heißt, Prävention in Großbritannien zieht die Grenze ganz anders als Präventionsarbeit, das in Deutschland tut. In Deutschland würden wir beispielsweise sagen, dass Verschwörungstheorien durchaus auch ein Gegenstand von Präventionsarbeit sind. Dabei sind da noch keine strafrechtlichen Grenzen überschritten.
Natürlich kann man Verschwörungstheorien verbreiten. Natürlich kann man homophob sein. Und trotzdem hat sich in Deutschland auch aufgrund der Geschichte des Nationalsozialismus, aber auch der DDR, ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass politische Bildung, Demokratieförderung eben nicht erst dann relevant wird, wenn Straftaten begangen werden, wenn zu Gewalt aufgerufen wird, sondern durchaus schon vorher, wenn beispielsweise jemand Verschwörungstheorien vertritt und damit gegen so einen Anspruch von Mündigkeit auch verstößt. Das wäre ein ganz wichtiger Unterschied zu den Diskussionen auch in anderen Ländern. Das kann man so oder so sehen.
Da würde ich jetzt gar nicht sagen, dass das eine richtig und das andere falsch ist. Ich glaube, es gibt gute Gründe zu sagen, dass Prävention durchaus auch schon weit im Vorfeld von Gewaltbereitschaft, von strafrechtlicher Relevanz ansetzen muss. Das wäre das, was man auch oft so als universelle Prävention beschreibt.
Also letztlich eine Arbeit mit allen Menschen, mit allen jungen Menschen, aber auch mit anderen Altersgruppen, sozusagen um sie zu stärken und aber eben beispielsweise auch, um sowas wie kritisches Denken anzuregen. Und das wäre in anderen Ländern durchaus anders. Das äußert sich dann beispielsweise darin im Umgang mit Hakenkreuzen oder mit den Symbolen vom islamischen Staat.
Also das Hakenkreuz ist in anderen Ländern durchaus zeigbar. In Deutschland ist es verboten. Und wie gesagt, da würde ich gar nicht sagen, da gibt es jetzt richtig oder falsch.
Aber es gibt gute Gründe, das so zu machen, wie es jetzt in Deutschland eben praktiziert wird. Eben auch aufgrund der historischen, politisch-kulturellen Bedingungen, die in Deutschland eben anders sind als in Großbritannien. Der dritte Punkt, der da vielleicht noch mit reinspielt, ist so ein bisschen die Frage, wie denn eigentlich Prävention stattfinden soll.
Also man kann das so ein bisschen runterbrechen, sagt man jetzt Präventionsarbeit besteht in Integrationspolitik, in sozialen Maßnahmen, in Antidiskriminierungsmaßnahmen. Das wäre so ein Strang. Ein anderer Strang wäre zu sagen, Prävention von Islamismus muss ganz wesentlich über eine Reform, eine religiöse Reform stattfinden.
Also wo der Fokus auf religiöse Themen liegt, auf Theologie, auf muslimischen Akteuren. Und das dritte wäre sowas wie: Da geht es eigentlich um ein psychologisches Problem. Da geht es um Fragen von Psychopathologien beispielsweise. Und dann wäre das eher ein Fall für die Psychotherapie.
Und diese drei Stränge, und es gibt natürlich mehr, da kann man sehen, dass das in den Ländern auch unterschiedlich gewichtet ist. Frankreich ist die Präventionsarbeit ganz stark geprägt gewesen in den Anfängen von der Sektenarbeit. Also von der Beratungsarbeit gegen Sektenphänomene. Also da gibt es einen ganz starken Schwerpunkt auf psychologische, psychotherapeutische Perspektiven, auf das Phänomen von Radikalisierung.
In anderen Kontexten geht es ganz stark um die Frage, wie kann man sowas wie ein Euro-Islam stark machen, oder sozusagen den Islam reformieren, so dass er mit den hiesigen Werten im Einklang ist. Das wäre so ein Strang.
Und dann gibt es eben den Strang, der sagt, nee, es geht auch um soziale Fragen, es geht auch um Fragen von Antidiskriminierung usw. Und das Interessante ist ja, dass diese verschiedenen Stränge alle eine Berechtigung haben und alle relevant sind und erst im Zusammenspiel die ganz unterschiedlichen Faktoren im Radikalisierungsprozess auch bearbeitet werden können.
Und da würde ich sagen, da ist die Landschaft in Deutschland wirklich sehr gut aufgestellt, weil es mittlerweile in den letzten Jahren Präventionsakteure in all diesen Bereichen gibt. Es gibt Präventionsansätze in der Psychotherapie, es gibt Präventionsansätze bei den muslimischen Organisationen, es gibt immer wieder auch die Diskussion darüber, wie Antidiskriminierungsarbeit, antirassistische Arbeit eben auch einen Beitrag zur Prävention von Islamismus leistet. Das heißt, in Deutschland ist das Feld sehr breit aufgestellt.
Und das ist so ein Mosaik. Und dieses Mosaik ist, glaube ich, eine große Stärke, auch wenn es von außen erstmal so ein bisschen — ein Begriff ist, der dann benutzt wird, das ist so ein Wildwuchs.
Ich würde es umdrehen und sagen, ja, dieser Wildwuchs ist genau die Stärke, weil es eben ermöglicht, dass sich Präventionsarbeit auf ganz unterschiedlichen Ebenen, zu ganz unterschiedlichen Radikalisierungsfaktoren anbieten kann. Und eben nicht nur Religion oder Psyche oder soziale Lage in den Blick nehmen, sondern letztlich diese Gemengelage von unterschiedlichen Faktoren, die in Radikalisierungsprozessen eine Rolle spielen, abbilden kann.
Michael Beer: Du hast ja jetzt vorhin schon von so ein paar Formen des Extremismus gesprochen, also zum Beispiel Rechtsextremismus, Islamismus oder auch Verschwörungsideologien. Wie wird denn mit dieser Vielfalt an Phänomenbereichen in der Präventionslandschaft umgegangen?
Götz Nordbruch: Also auch da wieder ein ganz interessanter Blick in die Geschichte. Nämlich viele der Träger, die jetzt in der Islamismusprävention tätig sind, die kommen beispielsweise aus der Rechtsextremismusprävention. Und das ist kein Zufall, weil natürlich viele Phänomene auch ähnlich gelagert sind.
Also so etwas wie kritisches Denken, Amiguitätstoleranz, die Dekonstruktion von Feindbildern, Geschlechterrollen, das sind so Aspekte, die sowohl im Rechtsextremismus als auch im Islamismus ganz zentral sind. Und auch so etwas wie Verschwörungsmythen spielen in ganz unterschiedlichen extremistischen Phänomenen eine Rolle. Das heißt, da drängt es sich geradezu auf, eben auch zu gucken, was sind eigentlich die Gemeinsamkeiten.
Also wenn wir beispielsweise an Queerfeindlichkeit oder Antifeminismus denken, das sind so klassische Brückennarrative, die in ganz unterschiedlichen Spektren, auch jenseits der Ränder, sehr, sehr präsent sind. Das heißt, wenn ich eine Schulklasse habe, dann bietet es sich an, eben zu so etwas wie Verschwörung zu arbeiten oder zu Geschlechterrollen, zu Männlichkeit, weil das letztlich präventiv in all diese extremistischen Spektren wirkt.
Das heißt, es gibt inhaltliche Argumente für diese Betrachtung oder für so eine phänomenübergreifende Betrachtung. Und es gibt aber auch ganz praktische Gründe, weil viele Lehrkräfte beispielsweise sagen, oh, jetzt kommt ihr noch mit dem Thema Islamismus oder jetzt kommt ihr noch mit dem Thema Antisemitismus zu uns. Wann sollen wir das denn noch alles machen. Und umso wichtiger ist es natürlich, Ansätze zu finden, die sowohl auf die Spezifik von einzelnen Phänomenen reagieren, die aber trotzdem auch handhabbar sind. Also beispielsweise medienpädagogische Ansätze zu entwickeln, die von einer Lehrkraft auch umgesetzt werden können, ohne dass sie jetzt sozusagen ins Detail die besondere Spezifik des Islamismus in diesem Bereich berücksichtigen, sondern medienpädagogische Ansätze, die beispielsweise empowern, die Zugang vermitteln zu den Funktionsweisen von Algorithmen, von Echokammern, von Fake News.
Und das heißt, es ist auch so eine praktische Notwendigkeit, das handhabbar zu machen. Und das schließt so eine Spezifik nicht aus, aber ich glaube, man muss immer auch im Blick haben, wie begrenzt die Ressourcen sind von Pädagoginnen und Pädagogen im Feld. Und umso wichtiger ist es natürlich dann auch, Ansätze zu entwickeln, die breit funktionieren, die mit der ganzen Klasse funktionieren, um es mal zuzuspitzen.
Michael Beer: Ja, jetzt bezieht sich deine Arbeit ja hauptsächlich auf das Feld der Islamismusprävention. Was würdest du sagen, ist das Besondere an diesem Feld und was zeichnet es aus?
Götz Nordbruch: Ah, das ist schwierig. Da formuliere ich jetzt mal einfach so auch ein bisschen ins Blaue, weil ich glaube, dass sich tatsächlich inhaltlich ganz viele Überschneidungen zeigen. Das habe ich eben schon erwähnt, diese Wir-Ihr-Konstruktionen, die Abwertungen, die Verallgemeinerungen, also letztlich ist sowohl Rechtsextremismus als auch Islamismus eine Bewältigungsstrategie im Umgang mit Krisen, mit Unsicherheiten, mit Ohnmachtserfahrungen.
Also beide Ideologien bieten eine total vereinfachte Welterklärung. Dieses Schwarz-Weiß-Denken ist ganz charakteristisch so. Da würde ich sagen, da gibt es Gemeinsamkeiten.
Was ich aber wichtig finde, ist, dass Islamismus in ganz vielen Fällen Themen oder Fragen aus dem jugendlichen Alltag oder auch nicht nur aus dem Alltag von Jugendlichen, sondern auch von Älteren aufgreift, die aus meiner Sicht legitim sind. Also es geht um sowas wie gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, es geht um Diskriminierungserfahrung, Marginalisierungserfahrung, es geht auch um sowas wie Doppelstandards in der Außenpolitik, es geht um sowas wie Kolonialgeschichte. Das sind Themen, wo ich sagen würde, ja, die sind relevant.
Es ist legitim und notwendig, das als Missstände zu benennen. Die Antworten, die von islamistischen Akteuren gegeben werden, sind natürlich falsch, sind verfassungswidrig, sind antidemokratisch, antipluralistisch. Aber die dahinterliegenden Fragen würde ich erstmal ernst nehmen.
Und das bedeutet dann eben auch, dass ich in der Präventionsarbeit diesen Fragen erstmal Raum geben würde. Auch wenn ich ganz klar und natürlich die Antworten, die von Islamisten gegeben werden, ablehne. Ganz ohne Frage.
Aber bei diesen Argumentationen, da merke ich, dass mir das schwerfällt, das auf den Bereich des Rechtsextremismus zu übertragen. Weil ich eben sagen würde, dass Rechtsextremismus immer eine Ideologie ist, eine Bewältigungsstrategie sozusagen von oben. Von Menschen, die privilegiert sind, die nicht unbedingt sozial privilegiert sind, die aber als herkunftsdeutsche Weise Menschen in Deutschland beispielsweise nicht von Rassismus betroffen sind.
Das heißt, Rechtsextremismus ist in dem Fall nicht eine Ideologie, die sozusagen Ungerechtigkeiten thematisiert, sondern im Gegenteil Ungerechtigkeiten und Hierarchien verfestigt. Und das wäre für die Präventionsarbeit aus meiner Sicht relevant, weil ich da eben nicht mit einem Begriff des Empowerments arbeiten kann, wie ich das für den Bereich der Islamismusprävention durchaus sinnvoll finde. Also platt gesagt, das Empowern von Menschen, die Diskriminierungserfahrungen machen, hat präventive Wirkung auch gegenüber Islamismus.
Und das würde ich nicht eins zu eins auf rechtsaffine Jugendliche übertragen. Also im Sinne von, wir müssen sie empowern, sondern da bricht sich das so ein bisschen. Und ich habe da mit Kolleginnen und Kollegen immer wieder Diskussionen drüber, ob es nicht auch doch Ähnlichkeiten gibt. Und das ist sowas, wo ich merke, da bin ich selber noch nicht am Ende des Denkens.
Michael Beer: Ja, ist ja auch gut, so würde ich sagen, wenn man da mit dem Denken noch nicht aufhört. Jetzt ist ja die Zivilgesellschaft in den letzten Jahren immer wieder unter Druck geraten. Wo siehst du derzeit politisch, rechtlich, gesellschaftlich vielleicht die größten Herausforderungen?
Götz Nordbruch: Also man kann in den letzten Jahren tatsächlich gut beobachten, dass die Zivilgesellschaft auch in Deutschland immer mehr in die Enge gerät oder in die Ecke gerät. Und zwar auf ganz verschiedenen Ebenen. Das sind zum einen Anfeindungen, die zivilgesellschaftliche Akteure erleben, wenn sie beispielsweise im Bereich der Rechtsextremismusprävention aktiv sind oder in der Demokratieförderung allgemein.
Und das betrifft eben nicht nur aus Deutschland, sondern das betrifft durchaus auch andere Gegenden in Deutschland, wo Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen von Trägern durchaus auch mit Shitstorms, aber auch mit anderen Konfrontationen zu tun haben, die durchaus beängstigend sind. Das heißt, es ist so eine gesellschaftliche Stimmung, die gesellschaftliche Polarisierung, die wirkt sich auch in der Arbeit von zivilgesellschaftlichen Akteuren aus. Wenn man das nochmal so ein bisschen auf einer anderen Ebene betrachtet, dann kann man natürlich schon auch sehen, dass es sowas, eine Tendenz von einer Verstaatlichung, einer Versicherheitlichung gibt von diesen Debatten.
Man merkt auf verschiedenen Ebenen, dass es durchaus ein politisches Interesse daran gibt, bestimmte Felder, bestimmte Tätigkeiten wieder stärker von staatlichen Institutionen umsetzen zu lassen. Und ich sprech gar nicht dagegen, dass staatliche Institutionen und auch Sicherheitsbehörden natürlich in diesem Bereich eine wichtige Rolle spielen. Ich glaube nur, dass dieses Nebeneinander oder dieses Miteinander von zivilgesellschaftlichen und staatlichen Organisationen tatsächlich eine große Stärke ist.
Da habe ich den Eindruck, dass da schon auch Tendenzen bestehen, das ein bisschen zurückzudrehen und sozusagen die Zivilgesellschaft wieder stärker an die Leine zu nehmen und im Zweifel auch bestimmte Angebote eben nicht von zivilgesellschaftlichen Organisationen, von Vereinen umsetzen zu lassen, sondern durch die Behörde X oder Y. Das ist ein Problem.
Das andere ist, dass ich in der politischen Diskussion schon auch eine Tendenz sehe, dass so etwas wie Demokratiebildung, die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Rassismus oder ein bisschen weniger vielleicht mit dem Phänomen Antisemitismus (können wir auch noch mal diskutieren, warum das vielleicht weniger davon betroffen ist), aber so etwas wie Menschenrechte, also das sind so Themen, die ja eigentlich Mainstream sind. Also platt gesagt, das Grundgesetz ist antirassistisch. Also wer auf dem Grundgesetz, auf der Basis des Grundgesetzes handelt, der handelt für Demokratie, gegen Rassismus, für Menschenrechte.
Und in der politischen Debatte ist das ja oft so ein bisschen abwertend gelabelt als links oder wenn es dann explizit abwertend ist, dann als woke. Und das finde ich schon auch besorgniserregend, dass eben so etwas wie Engagement für die Menschenrechte so ein bisschen weggelächelt wird als linke Aktivität.
Und da finde ich schon wichtig, auch gegenzuhalten, uns deutlich zu machen, nein, zum einen stehen die Vereine alle auf dem Boden des Grundgesetzes, sonst würden sie nicht gefördert werden. Und aber auch der Anspruch, Demokratie zu stärken, gegen Rassismus sich einzusetzen, gegen Antisemitismus sich einzusetzen, für Menschenrechte sich einzusetzen, ist sozusagen ein Auftrag, der explizit auch über das Grundgesetz gerechtfertigt ist und nicht links. Und das finde ich wichtig, dass in der politischen Diskussion, gerade im Moment, habe ich den Eindruck, macht es Sinn, das immer wieder auch stark zu machen.
Und das andere, das dritte, würde ich sagen, das ist eigentlich ganz interessant, es gibt diesen Begriff, so eine Warnung for shrinking spaces of civil society, also sich verengende Räume der Zivilgesellschaft, das kommt eigentlich so aus der Entwicklungszusammenarbeit der internationalen Kooperationen. Und dann geht es um so Länder wie Tunesien, Ägypten und Russland. Also das Phänomen, das staatliche Politik immer mehr darauf setzt, so Zivilgesellschaft einzuschränken. Und ich glaube, dass dieser Begriff wird mittlerweile eben auch für Deutschland benutzt.
Also im Sinne von, dass es auf verschiedenen Ebenen, politischen Ebenen, rechtlichen Ebenen, Fragen von Gemeinnützigkeit, dass das eben dazu führt, dass die Räume für Zivilgesellschaft tendenziell enger werden. Und da geht es eben nicht mehr nur um Ägypten, Tunesien, Ungarn oder jetzt die USA, sondern das ist genauso in verschiedenen Kommunen in Ostdeutschland, aber auch in Westdeutschland zu sehen. Und da würde ich sagen, da sind wir noch in einer guten Situation, aber das kann auch sehr, sehr schnell kippen.
Michael Beer: Ja, auf jeden Fall. Gibt es aus deiner Sicht bestimmte Themenfelder in der Präventionsarbeit, die vielleicht besonders im Fokus kritischer oder vielleicht sogar feindlicher Aufmerksamkeit stehen?
Götz Nordbruch: Ich würde schon sagen, also das Thema Islamismus ist in gewisser Weise ambivalent, weil auf der einen Seite ist es ein Thema, was natürlich eine große politische Relevanz hat, auch aufgrund der Anschläge. Das ist ein Sicherheitsproblem, ganz klar. Und gleichzeitig hängt es eben eng zusammen mit gesellschaftlich hochumstrittenen Themen, wie Fragen von Migration, aber auch sowas wie: Welche Rolle hat der Islam in der deutschen Gesellschaft, welchen Platz hat der Islam in der Gesellschaft. Das hängt ganz eng zusammen mit Fragen von Geschlechtergerechtigkeit, Gleichberechtigung und das macht das schon schwieriger, in dem Fall sich zu positionieren, weil man halt immer gleich so einen Rattenschwanz an anderen Diskussionen mit berücksichtigt und mit bespielt, letztlich, und das macht es so ein bisschen komplizierter als vielleicht in anderen Bereichen.
Aber grundsätzlich würde ich sagen, dass die Themen, die sich eben nicht nur an den Rändern, an den vermeintlichen Rändern der Gesellschaft abspielen, sondern die eben auch in der Mitte der Gesellschaft zu finden sind und nicht nur sozusagen als Echo, als Nachhalt, sondern die auch durch die Mitte ganz stark mitgeprägt werden, die eben Antifeminismus, Verschwörungsmythen, Fragen von geschlechtlicher Orientierung, Homofeindlichkeit, Queerfeindlichkeit, das sind alles so Sachen, die auch die gesellschaftliche Mitte betreffen und die auch die Gesellschaft polarisieren und da ist es natürlich total schwer, oder da ist es umso schwerer, das eben auch zu thematisieren. Also ich denke da an die Sensibilisierung für Queerfeindlichkeit, das ist extrem schwer, weil das eben dann nicht nur um die Ränder geht, sondern es geht auch um die Mitte und auch Personen in der Mitte, Politiker, Politikerinnen in der Mitte fühlen sich dadurch herausgefordert durch das Thema und das macht es natürlich umso schwieriger, das in ähnlicher Weise zu berücksichtigen wie das Thema Islamismus, weil beim Thema Islamismus kann man immer schnell sagen, das hat mit mir eigentlich erstmal nichts zu tun, da könnt ihr mal zu arbeiten. Und das ist bei vielen anderen Themen eben nicht so einfach, das von sich zu weisen als etwas, was mit mir etwas zu tun hat und je dichter ein Thema an einem selber dran ist, desto weniger ist man natürlich geneigt, sich dann da auch auf Präventionsarbeit einzulassen.
Michael Beer: Jetzt hast du gerade schon von Positionierung gesprochen und ich glaube gerade in Zeiten von politischer Polarisierung stellt sich oft die Frage nach der parteipolitischen Neutralität. Was denkst du, wie können Organisationen in ihrer Arbeit Haltung zeigen, ohne in diese parteipolitischen Gefilde zu geraten?
Götz Nordbruch: Also ja ich glaube, also das ist natürlich grundsätzlich schwierig, da muss man sich nichts vormachen, also weil alle sind irgendwie — alle Träger in diesem Bereich, ganz egal wie sie jetzt aufgestellt sind, wie sie positioniert sind, sind immer abhängig auch von Regierungskonstellationen auf Landesebene, auf Bundesebene, aber selbst auf kommunaler Ebene, wenn man sich die Diskussion um die Partnerschaften für Demokratie anguckt, dann sind das oft Gemeinderäte, die darüber entscheiden, ob Gelder fließen oder nicht und das hängt natürlich davon ab, wer denn da auch parteipolitisch in welchen Positionen sitzt, also insofern muss man sich dann nichts vormachen, also das ist schwierig und das ist nicht einfach da zu manövrieren.
Ich würde sagen, dass wir beispielsweise als Verein nicht parteipolitisch verordnet sind, sondern wir argumentieren auf der Basis des Grundgesetzes. Im Grunde, so wie ich eben versucht habe zu beschreiben, dass das für uns ist das Grundgesetz maßgebend und handlungsleitend und das beinhaltet sowas wie Menschenrechte, das beinhaltet sowas wie Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Religionsfreiheit, Geschlechtergleichheit, Menschenwürde und aus diesen Werten, aus diesen Grundrechten lässt sich unsere Arbeit ableiten und das gilt für uns genauso wie für die Amadeu Antonio Stiftung oder letztlich die Jusos oder die Junge Union, das wäre der Anspruch und da ist die parteipolitische Verordnung irrelevant und das wäre die gemeinsame Grundlage und das finde ich wichtig, das deutlich zu machen, dass es hier nicht um Parteipolitik geht und es geht auch nicht darum, sich in parteipolitisches Handeln einzubringen, sondern es geht um gesellschaftliche Grundlagen, zu denen man sich positionieren muss und da geht es nicht um die Frage, bin ich für Rassismus oder nicht, sondern die Frage ist ganz klar, wenn ich Demokrat bin, wenn ich auf der Basis des Grundgesetzes handele, dann gibt es nur eine Antwort und das ist nicht parteipolitisch bedingt.
Michael Beer: Zum Ende würde mich jetzt noch interessieren, was müsste sich aus deiner Sicht strukturell verändern, damit die Zivilgesellschaft langfristig gestärkt werden kann?
Götz Nordbruch: Ganz grundsätzlich finde ich die große Herausforderung, dass Zivilgesellschaft eben dann, wenn sie gefördert wird, oft auch so eine Feuerlöscherfunktion hat. Also, wenn es dann rechtsextreme Anschläge gibt oder auch islamistische Anschläge, dann gibt es so eine Welle der Aufmerksamkeit auch für Zivilgesellschaft und dann gibt es mal wieder Gelder. So, jetzt Nahostkonflikt, ganz aktuelles Thema, dann gibt es plötzlich Gelder für den Bereich der Antisemitismusprävention und das ist gut und das ist richtig und das ist wichtig und gleichzeitig gerät da schnell aus dem Blick, dass es letztlich darum geht, auch Regelstrukturen zu finanzieren und vernünftig auszustatten, weil es wäre natürlich Quatsch zu sagen, die Zivilgesellschaft wird das schon alleine wuppen, natürlich nicht, also natürlich funktioniert Zivilgesellschaft nur zusammen mit dem Spiel auch mit Regelstrukturen, also der Verein in Ostdeutschland oder der Verein in Kreuzberg, der kann Angebote machen, aber wenn das in den Regelstrukturen nicht nachhaltig auch verankert wird, verstetigt wird, aufgegriffen wird an Ansätzen, dann verpufft es, das heißt Schule muss finanziert werden, Jugendhilfe muss finanziert werden, Institutionen der politischen Bildung unabhängig von dem Thema Extremismus müssen finanziert werden, damit die Präventionslandschaft, die zivilgesellschaftliche Präventionslandschaft mit ihren Erfahrungen, mit ihren Ansätzen dann eben auch in der Breite wirkt. Und aber von einem Verein, ganz egal welchen Verein man jetzt nimmt, zu erwarten, dass der das Problem des Antisemitismus wirksam sichtbar bekämpft, das ist eine ziemliche Überforderung.
Also ein Verein, wir können Anstoße geben, wir können 10, 15, 20.000 Jugendliche erreichen, aber damit ist das Problem ja nicht gelöst, sondern das wäre nachhaltig erst im Zusammenspiel mit den Regelstrukturen möglich.
Michael Beer: Ja, Götz, vielen, vielen Dank für das Gespräch und die spannenden Einblicke.
Götz Nordbruch: Ja, vielen Dank für die Einladung.
Michael Beer: Die Diskussionen rund um Gemeinnützigkeit, Förderpraxis und politische Neutralität zeigen, die Rahmenbedingungen für zivilgesellschaftliches Engagement verändern sich spürbar. Organisationen, Projekte und Initiativen stehen vor der Herausforderung, sich in einem zunehmend komplexen und auch unsicheren Umfeld behaupten zu müssen. Die aktuellen Debatten über die Zivilgesellschaft und die Zukunft von staatlichen Förderungen haben damit einen direkten Einfluss auf die Arbeit der Fachpraxis.
Das zeigt auch unsere Bedarfserhebung, die wir zum Start von KN:IX connect, dem Verbund für Islamismusprävention und Demokratieförderung, durchgeführt haben. Hier gaben knapp 50% der Befragten an, dass deren Arbeit sehr stark von den aktuellen Diskussionen über die Zivilgesellschaft betroffen ist. Die Rückmeldungen der Bedarfserhebung zeigen dabei außerdem, dass zivilgesellschaftliche Akteur:innen momentan vor vielfältigen inhaltlichen Herausforderungen stehen.
Besonders häufig wurden dabei vier Themenkomplexe genannt, die derzeit eine zentrale Rolle in der Präventionsarbeit spielen. Das ist zum einen der Einfluss von Social Media auf Jugendliche, insbesondere im Hinblick auf Desinformation, Radikalisierung und Identitätsbildung im digitalen Raum, aber auch Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus, die im Alltag zunehmend spürbar werden. Aber auch Fragen rund um Flucht und Migration wurden genannt, die nicht nur politische Debatten prägen, sondern auch konkrete Herausforderungen für Teilhabe und Zusammenhalt mit sich bringen. Und zuletzt wurden Brückennarrative genannt, wie etwa Antifeminismus oder einseitige Männlichkeitsbilder, die als verbindende Elemente verschiedener extremismusbezogener Ideologien wirken. Und um einen konkreten Einblick in die Komplexität und die Herausforderungen bei der Arbeit mit diesen Themen zu bekommen, wollen wir uns eins davon jetzt noch genauer anschauen. Ich habe es anfangs schon erwähnt, wir sprechen im zweiten Interview dieser Folge über antimuslimischen Rassismus.
Dazu habe ich Dr. Asmaa Soliman eingeladen. Sie leitet den Programmbereich Young Post-Migrant Alliances bei der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa, wozu das Projekt Zukunft D im Bereich digitale Demokratie gehört. Sie ist Sozialwissenschaftlerin und hat in Maastricht und London studiert, wo sie auch promoviert hat. In ihrer Arbeit spielen die Schwerpunkte Diversität und Demokratie, postmigrantische Gesellschaften, Islam in Europa und interkulturelle Verständigung eine zentrale Rolle. Hallo Asmaa, freut mich, dass du dir die Zeit genommen hast.
Asmaa Soliman: Hallo, freut mich auch.
Michael Beer: Du hast es wahrscheinlich mitbekommen, CLAIM hat ja kürzlich die Jahresbilanz antimuslimischer Vorfälle im Jahr 2024 für Berlin vorgestellt und dabei einen alarmierenden Anstieg von fast 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr festgestellt. Was bedeuten solche erschreckenden Zahlen für deine Arbeit?
Asmaa Soliman: Genau, also sie bedeuten natürlich sehr, sehr viel. Das Erste, was sie bedeuten, ist, dass unsere Arbeit weiterhin sehr, sehr wichtig ist, weil wir sozusagen an mehreren Schnittstellen rund um das Thema antimuslimischen Rassismus arbeiten. Das eine ist, dass wir Menschen, die davon betroffen sind, Räume des Empowerments anbieten, wo sie auch miteinander sprechen können, aber auch Wege, Tools, Aktionen, Aktivitäten entwickeln können, um dagegen anzugehen.
Und zum anderen ist aber auch ein Ziel, woran wir arbeiten, das Bewusstsein darüber auch in der Gesamtgesellschaft zu stärken, also so ein bisschen Outreach-Arbeit rund um dieses Thema zu machen und gleichzeitig aber auch Nicht-Betroffene zu sensibilisieren dafür, also Menschen, die nicht von antimuslimischem Rassismus betroffen sind, insbesondere junge Menschen, das ist unsere Hauptzielgruppe, dazu zu gewinnen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, mit Menschen, die davon betroffen sind, zusammen an Projekten zu arbeiten und dann als Allianz gemeinsam dagegen anzugehen.
Michael Beer: Wenn wir uns jetzt zum Beispiel Politik oder Bildungsarbeit oder staatliche Institutionen anschauen, wo siehst du da auf struktureller Ebene blinde Flecken im Umgang mit antimuslimischen Rassismus?
Asmaa Soliman: Also ich denke, die größte Lücke, die ich sehe, ist tatsächlich die Anerkennung des antimuslimischen Rassismus, weil ich denke, es passiert alltäglich, es betrifft viele Menschen in ihrem Alltag, aber die Anerkennung dafür, das beim Punkt zu nennen und zu sagen, das ist antimuslimischer Rassismus, das passiert nicht so oft und da ist ja das Beispiel vor kurzem, die Ermordung von Rahma aus Arnum, die ja Anfang Juli dieses Jahr ermordet wurde, aus ganz klaren antimuslimischen, rassistischen Gründen, wo wir wieder sehen, dass die Medien, die Politik und so weiter das nicht beim Namen nennt und das hatten wir vor vielen, vielen, vielen Jahren beim Fall von Marwa El-Sherbini, was ähnlich verlief und ich glaube, das ist tatsächlich die größte Lücke, die ich sehe, diese Anerkennung und Beim-Namen-Nennen des antimuslimischen Rassismus und nicht um den heißen Brei zu sprechen und zu sagen, das ist ein normaler Mordfall oder sonst was.
Michael Beer: Was würdest du sagen, wie hängt antimuslimischer Rassismus mit anderen Formen von Diskriminierung zusammen und wie kann man da im Hinblick auf die Präventionsarbeit vielleicht auch ganzheitlicher denken?
Asmaa Soliman: Genau, also ich denke, es hängt auf jeden Fall zusammen, also gibt es einen starken Zusammenhang, zum einen zwischen unterschiedlichen Formen von Rassismen und zum anderen aber auch zwischen antimuslimischen Rassismus und anderen Formen von Diskriminierung. Was alle gemeinsam haben, ist, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen aufgrund von bestimmten Merkmalen benachteiligt wird. Das ist sozusagen das, was alle unterschiedlichen Formen von Rassismen und Diskriminierungsformen gemeinsam haben.
Aber wie das mit Präventionsarbeit zusammenhängt, ist tatsächlich, ich sage immer, je antimuslimischer die Gesellschaft, die Politik, die Diskurse sind, desto mehr Raum für islamistische Entwicklungen. Weil das eine mit dem anderen schon natürlich auch zusammenhängt, das ist eine Basis von islamistischen Predigern, dieses Gefühl von nicht dazugehören, sie mögen dich nicht, dieses Feindbild muslimisch und deutsch, auch wenn das jetzt aus meiner Sicht keine richtige Trennlinie ist. Aber das ist ein Nährboden dafür, zu sagen, die wollen dich doch sowieso nicht, die deutsche Gesellschaft, sie reden schlecht über dich, sie hassen dich, sie greifen dich an und dann gewinnt so ein Gedankengut nochmal viel mehr Menschen, insbesondere junge Menschen, die halt auch in der Identitätsfindungsphase sind und begründen tatsächlich ihre Radikalisierung damit, dass sie ausgeschlossen werden und ich glaube, da müssen wir wirklich aufpassen, weil es im Endeffekt uns allen schadet.
Michael Beer: Wie nimmst du denn den öffentlichen Diskurs über Muslim:innen und den Islam in Medien und Politik wahr?
Asmaa Soliman: Ich muss sagen, der öffentliche Diskurs ist eher negativ als positiv und das ist leider schon so normal, dass es Teil des Alltags ist und man irgendwie damit umgehen muss, was aber nicht sein darf. Und auch jetzt bei den letzten Bundestagswahlen, bei vielen unterschiedlichen Momenten, wo man irgendwie auch schon Hoffnung hatte, dass wir viele Schritte weiter sind, was den Diskurs betrifft, da wurden wieder genau dieselben Fragen und auch Polarisierungsdiskurse geöffnet, sage ich mal, die wir schon nach dem 11. September hatten und deswegen ist aus meiner Sicht der Diskurs, ich sehe immer wieder sozusagen Wiederholungen eines Diskurses, der immer wieder den Islam und Muslim:innen, die Zugehörigkeit dieser Menschen und dieser Religionen in Deutschland infrage stellt, der immer wieder auch diese negative Assoziationen mit Terror, mit Gefahr, Unterdrückung und so weiter mit sich bringt.
Das ist nichts Neues, das kennen wir, aber es ist halt leider traurig zu sehen, dass wir immer wieder zu diesen Diskursen zurückkommen, obwohl auf der anderen Seite wir halt eine Antirassismusbeauftragte im Bundestag haben und es in dieser Hinsicht auch gute Entwicklungen gibt und Dinge gibt, worauf wir auch stolz sein können, aber das ist halt so diese Gleichzeitigkeit von mehr Antirassismusarbeit und mehr Rassismus und antimuslimische Diskurse.
Michael Beer: Was denkst du, müsste sich dahingehend dann verändern, gesellschaftlich, dass das besser werden kann?
Asmaa Soliman: Ja, also ich glaube tatsächlich vieles, aber also zum einen das, was ich am Anfang gesagt habe, mit dem Bewusstsein und der Anerkennung und das Beim-Namen-Nennen, das müsste sich auf jeden Fall ändern und eine Differenziertheit in der Art und Weise, wie über Islam und Muslim:innen gesprochen wird, beziehungsweise nicht dieses über jemanden sprechen, sondern mit jemandem sprechen, müsste mehr passieren. Ich habe auch das Gefühl, dass Tabus halt nicht mehr Tabus sind und ich glaube, da müssen wir halt dran arbeiten, wenn es um Rhetorik und Diskurse und Darstellungen geht.
Diese Tabus sind halt jetzt wieder, also es hat sich irgendwas gerückt in der Art und Weise, wie wir Tabus wahrnehmen, was man sagen darf und was nicht und diese Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Rassismus und Islamfeindlichkeit, die ist immer unklarer und ich glaube, da müsste man nochmal ran und das wirklich nochmal schärfen und insbesondere halt auch die Gefahren von solchen Narrativen und die Auswirkungen von solchen Narrativen einfach auch nochmal stärker ins Auge fassen, weil diese rassistischen Vorfälle und auch Morde, die nicht wenig passieren, die beruhen immer wieder natürlich auch auf Rhetorik, auf Darstellungen, auf Bilder, auf Geschichten, auf Narrativen und die haben eine krasse Auswirkung. Ich glaube, da muss wirklich dieses Gefühl von Verantwortlichkeit und Verantwortung-Tragen, dass jedes Wort, was man sagt, auch Auswirkungen haben kann, das müsste wirklich strenger sein in unserer Gesellschaft.
Michael Beer: Zum Ende jetzt vielleicht nochmal einen Blick auf die Zivilgesellschaft. Was denkst du denn, wie müsste die sich denn weiterentwickeln, um dem Ganzen auch gerechter zu werden?
Asmaa Soliman: Also ich glaube, die Zivilgesellschaft braucht mehr Allianzen und ich glaube, dass wir Allianzen auf sehr vielen Ebenen brauchen, sowohl innerhalb der Zivilgesellschaft als auch zwischen Zivilgesellschaft und anderen Bereichen wie zum Beispiel Politik und Medien und so. Aber ich habe aktuell noch so das Gefühl, dass auch innerhalb der Zivilgesellschaft also der Bereich Rassismus und Diskriminierung noch so ein bisschen isoliert von dem Bereich antimuslimischer Rassismus arbeitet zum Beispiel. Also ich denke, dass diese zwei Bereiche viel mehr noch miteinander arbeiten müssten und auch so Bereiche wie Demokratieförderung, ja, Verteidigung von liberalen Werten und so weiter, also so ein bisschen auch so Menschenrechtsorganisationen, also Organisationen, die sich für Demokratie und so weiter einsetzen, die arbeiten auch nicht so eng im Austausch mit Organisationen, die halt sich spezifisch um Rassismus und halt auch um antimuslimischen Rassismus kümmern. Also ich habe das Gefühl, dass innerhalb der Zivilgesellschaft, dass wir da noch Lücken der Allianzen haben und der Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Organisationen.
Das andere ist, was wir auch immer sagen, Allianzen zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen. Also ich glaube, auch das ist super wichtig und das könnte sowas dann auch, also along the lines of Menschenrechtsorganisationen und vielleicht Migranten, Migrantenorganisationen oder muslimischen Organisationen könnte sich sowas sehr schön ergeben, dass man halt auch Leute an Bord hat, die nicht betroffen sind und sich dafür einsetzen und halt betroffene Menschen, die ihre Erfahrungen teilen und ihr Wissen auch dazu haben.
Und dann denke ich halt, dass auch darüber hinaus politische Bildungsarbeit, also alles auch, was mit Bildung zu tun hat und auch Schule und so weiter, auch da muss viel mehr passieren, zwischen NGOs, Migrant:innenorganisationen, Antirassismusorganisationen und Schulen und Bildung, weil da ist auch, da passiert sehr viel, was diese Zusammenarbeit und diese Allianzen braucht. Und dann ist es auch noch wichtig auf der Ebene zwischen Zivilgesellschaft und zum Beispiel Politik, zwischen Zivilgesellschaft und Medien. Also Medien ist aus meiner Sicht auch ein sehr, sehr wichtiger Partner. Ja, um genau das, was wir auch heute machen, sozusagen auch die Stimmen, die Erfahrungen, die Perspektiven auch an die breite Öffentlichkeit zu kommunizieren.
Michael Beer: Ja, mehr Allianzen, das finde ich einen sehr, sehr schönen Schlussgedanken. Erstmal vielen, vielen Dank für das Interview und alles Gute.
Asmaa Soliman: Danke.
Michael Beer: Eins ist klar, eine starke Zivilgesellschaft ist kein Nice-to-have, sondern ein unverzichtbarer Pfeiler unserer Demokratie, gerade in der Extremismusprävention. Sie agiert als Frühwarnsystem, als kritisches Korrektiv und als Ort des Empowerments, vor allem dort, wo staatliche Strukturen an ihre Grenzen stoßen. In dieser Folge haben wir erfahren, wie vielfältig und historisch gewachsen die Präventionsarbeit in Deutschland ist.
Diese Vielfalt wirkt auf den ersten Blick etwas chaotisch, ist aber eigentlich eine Stärke des Themenfeldes. Denn nur durch ein breites, ineinandergreifendes Netzwerk können die komplexen Ursachen von Radikalisierung wirksam adressiert werden. Gleichzeitig steht die Zivilgesellschaft selbst zunehmend unter Druck, gesellschaftlich, politisch und finanziell.
Der Ruf nach langfristiger Förderung, rechtlicher Sicherheit und auch Anerkennung ist daher nicht nur berechtigt, sondern dringend notwendig. Außerdem haben wir gehört, welche Themenschwerpunkte die Fachpraxis aktuell beschäftigen und wie tief antimuslimischer Rassismus in unserer Gesellschaft verankert ist. Dabei geht es vor allem darum, Strukturen, Narrative und Verantwortlichkeiten zu identifizieren und zu hinterfragen.
Es wurde deutlich, dass Empowerment, Aufklärung und Austausch zentrale Pfeiler im Kampf gegen Diskriminierung sind. Eine solidarische Zivilgesellschaft braucht mehr Allianzen. Zwischen Betroffenen und Nicht-Betroffenen, zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen, Medien, Politik und Bildungsinstitutionen.
Nur gemeinsam lassen sich nachhaltige Veränderungen anstoßen. Zum Abschluss noch ein kleiner Veranstaltungstipp in eigener Sache. KN:IX connect veranstaltet einen digitalen Panel Talk mit dem Thema „Im digitalen Raum sichtbar. Antisemitismus, soziale Medien und zivilgesellschaftliche Perspektiven“. Die Veranstaltung findet am Mittwoch, den 17. September 2025 von 13.30 Uhr bis 15 Uhr statt. Weitere Infos und den Link zur Anmeldung findet ihr in den Shownotes.
Inhaltliche Vorbereitung, Moderation und technische Umsetzung Michael Beer.
Outro: Dieser Podcast ist Teil von KN:IX connect, dem Verbund Islamismusprävention und Demokratieförderung. KN:IX connect wird umgesetzt von ufuq.de, modus|zad (Modus – Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung), IFAK, Verein für Multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe Migrationsarbeit und der Bundesarbeitsgemeinschaft Religiös Begründeter Extremismus, kurz BAG RelEx. Alle Träger werden im Rahmen von KN:IX connect durch das Bundesprogramm Demokratie Leben des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.
Weitere Förderung erhalten wir von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt. Der Podcast stellt keine Meinungsäußerungen des BMBFSFJ, des BAFzA oder der weiteren Mittelgeber dar. Für inhaltliche Aussagen und Meinungsäußerungen tragen die Publizierenden dieser Veröffentlichung die Verantwortung.