Die Studie „Verlockender Fundamentalismus. Türkische Jugendliche in Deutschland“ (1997) markiert den Beginn einer mittlerweile fast dreißigjährigen Forschung zu islamistischen Strömungen in Deutschland. In der Folgezeit entstanden zivilgesellschaftliche und staatliche Präventionsansätze, die auf die terroristischen Anschläge in den USA, London und Madrid, die Konflikte um die Muhammed-Karikaturen und schließlich das Entstehen einer größeren salafistischen Szene in Deutschland reagierten.
Viele der damals durch die Heitmeyer-Studie angestoßenen Kontroversen sind bis heute aktuell:
- Welche Rolle spielen Erfahrungen von Marginalisierung und Diskriminierung für die Abwendung von der Gesellschaft und die Hinwendung zu islamistischen Weltbildern – und was bedeutet dies für die Präventionsarbeit?
- Welche Zusammenhänge lassen sich zwischen bestimmten Religionsverständnissen, familiären Erfahrungen und antidemokratischen, patriarchalischen und gewaltbefürwortenden Einstellungen und Verhaltensweisen ausmachen – und welchen Beitrag können die islamischen Verbände oder der islamische Religionsunterricht leisten, um diesen Vorstellungen entgegenzuwirken?
- In welchem Verhältnis steht die Attraktivität von islamistischen Orientierungen unter (jungen) Menschen in Deutschland zu Entwicklungen und Ereignissen in mehrheitlich muslimischen Ländern – und was bedeutet dies beispielsweise für die Arbeit mit Geflüchteten aus Syrien oder Afghanistan?
Hinzu gekommen sind weitere Fragen, die der zunehmenden Ausdifferenzierung des Phänomens selbst (beispielsweise in verschiedene islamistische Szenen und Milieus, die sich in Bezug auf inhaltliche Schwerpunkte, Stile oder Handlungsstrategien unterscheiden), aber auch der Komplexität von Radikalisierungsprozessen (beispielsweise im Zusammenspiel von individuellen, familiären, sozialen, psychologischen und ideologischen Faktoren) geschuldet sind:
- Welche sozialräumlichen Kontexte sind besonders vulnerabel, welche besonders resilient gegenüber dem Entstehen von islamistischen Szenen?
- In welchen Verhältnis stehen islamistische Agitationen zu polarisierenden gesellschaftlichen Ereignissen und Debatten?
- Handelt es sich beim Islamismus um ein Jugendphänomen – oder ist es ähnlich wie der Rechtsextremismus in unterschiedlichen Lebensphasen attraktiv?
Die Präventionspraxis muss auf ganz unterschiedliche individuelle, sozialräumliche und gesellschaftliche Kontexte einer Hinwendung zu islamistischen Szenen reagieren: Die Zustimmung eines Jugendlichen zu queerfeindlichen Inhalten aus dem Spektrum der Hizb ut-Tahrir-nahen Kanäle erfordert andere Präventionsansätze als die Faszination einer jungen Konvertitin für die Eindeutigkeitsversprechen salafistischer Kleingruppen oder die Aufrufe zu Gewalt gegen „Zionisten“, die von einem jungen Mann auf TikTok geteilt werden.
Für die Entwicklung von übergreifenden Präventionsstrukturen auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene ergeben sich aus dieser Ausdifferenzierung und Vervielfältigung des Radikalisierungsgeschehen zwangsläufig neue Herausforderungen.
Diese Fachtagung nimmt den dreißigsten Jahrestag der Studie zum Anlass, um über Kontinuitäten und Verschiebungen in Wissenschaft, Prävention und politischem Handeln zu den Themen Islam, Islamismus und antimuslimischer Rassismus zu reflektieren. Beleuchtet werden die Vielschichtigkeit des Phänomens Islamismus und die Konsequenzen sowohl für die übergreifenden Präventionsstrukturen als auch für die Präventionspraxis in unterschiedlichen Handlungsfeldern. Dabei liegt ein besonderer Schwerpunkt auf Nordrhein-Westfalen und Berlin; beide Bundesländer können auf langjährige Erfahrungen in der Präventionsarbeit zugreifen, verfolgen dabei aber im Einzelnen durchaus unterschiedliche Wege.
Programm:
Kooperation:
Die Fachtagung wird als Kooperation der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen und ufuq.de (im Rahmen des KN:IX connect | Verbund Islamismusprävention und Demokratieförderung) durchgeführt. Der Beitrag von ufuq.de wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) gefördert.
Zu dieser Fachtagung laden wir Sie herzlich ein.