Psychologie, Trauma und Demokratie – Ein Gespräch mit Jan İlhan Kızılhan

Im Gespräch mit Jan Ilhan Kizilhan geht es um die psychosozialen Ursachen von Radikalisierung, die Bedeutung von Trauma- und Identitätsarbeit sowie die Rolle von Demokratieförderung in der Prävention. Kizilhan betont, dass Radikalisierung in den meisten Fällen nicht psychopathologisch, sondern sozialpsychologisch zu verstehen ist – und zeigt auf, warum nachhaltige Präventionsarbeit Zugehörigkeit, Dialog und gesellschaftliche Teilhabe stärken muss.

Prof. Dr. Jan İlhan Kızılhan ist Psychologe, Orientalist und einer der führenden Experten für transkulturelle Psychiatrie, Psychotherapie und Psychotraumatologie in Europa. Er leitet das Institut für Transkulturelle Gesundheitsforschung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart und berät seit über 20 Jahren Regierungen, internationale Organisationen und NGOs zu Migration, interkultureller Psychiatrie sowie Trauma- und Traumafolgestörungen.

Warum sind zivilgesellschaftliche Akteure in der Islamismusprävention und der Demokratieförderung wichtig?

Radikalisierung entsteht in sozialen und psychodynamischen Kontexten. Islamistische Ideologien knüpfen an kollektive Kränkungen, Identitätsunsicherheiten, patriarchale Ordnungsvorstellungen sowie transgenerationale Gewalt und Diskriminierungserfahrungen an. Sie transformieren Ohnmacht in moralische Überlegenheit und legitimieren Gewalt durch die Dehumanisierung des Anderen.

Zivilgesellschaftliche Akteure wirken genau in diesen psychosozialen Räumen. Sie verfügen über niedrigschwellige Zugänge, Vertrauensbeziehungen und kultursensible Kompetenz. Anders als rein sicherheitspolitische Maßnahmen ermöglichen sie dialogische Prozesse, Ambivalenztoleranz und tragfähige Beziehungsarbeit. Gerade in Distanzierungsprozessen ist diese Beziehungsebene zentral.

Demokratieförderung stärkt alternative Identitätsangebote, Zugehörigkeit ohne Totalitätsanspruch sowie Partizipation und Selbstwirksamkeit. Dadurch werden emotionale Bedürfnisse adressiert, die sonst von totalitären Ideologien instrumentalisiert werden. Eine starke Zivilgesellschaft ist daher ein zentraler Pfeiler nachhaltiger Prävention.

Wodurch zeichnet sich eine gute Islamismusprävention aus Ihrer Sicht aus?

Wirksame Prävention adressiert die emotionale Funktion von Radikalisierung. Ideologie dient häufig als Container für Kränkung, Angst, Identitätsdiffusion und erlebte Marginalisierung. Gewalt wird durch Dehumanisierung moralisch entlastet.

Radikalisierung ist selten primär psychopathologisch, sondern sozialpsychologisch erklärbar. Hinzu kommen historische Gewalt und Ausbeutungsstrukturen bis hin zur kolonialen Unterwerfung vieler Regionen. Deren Folgen wirken in kollektiven Narrativen bis heute fort. Wenn gegenwärtige Ungleichheiten oder internationale Doppelstandards wahrgenommen werden, können diese historischen Erfahrungen reaktiviert und ideologisch zugespitzt werden.

Gute Prävention ist daher ideologiekritisch ohne Religion zu stigmatisieren, emotions- und beziehungsorientiert mit Fokus auf Affektregulation und Identitätsarbeit, trauma- und migrationssensibel sowie professionell strukturiert mit klaren Kompetenzprofilen, Supervision und Selbstfürsorge. Nur wenn individuelle, soziale und historische Dimensionen zusammengedacht werden, kann Prävention wirksam ansetzen.

Wie wird sich der Islamismus in den nächsten zehn Jahren weiterentwickeln?

Islamismus wird sich weiter dezentral, digital und hybrid entwickeln. Ideologie verbreitet sich zunehmend unabhängig von territorialer Kontrolle. Der sogenannte Islamische Staat bleibt trotz militärischer Niederlagen ideologisch und organisatorisch aktiv.

Zugleich ist eine politische Relegitimierung ehemaliger jihadistischer Akteure zu beobachten, etwa im Kontext der neuen Regierung um Ahmad al Sahra. Wenn Personen mit Beteiligung an Mord und Massakern in staatliche Strukturen integriert werden, untergräbt dies die Glaubwürdigkeit demokratischer Ordnungen. Für Opfer bedeutet es eine sekundäre Viktimisierung, für radikale Gruppen hingegen eine Bestätigung, dass Gewalt politisch erfolgreich sein kann.

Bleiben politische Instabilität, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit, Korruption und kollektive Demütigung bestehen, stabilisiert dies totalitäre Mentalitäten. Regionale Konflikte können über digitale Netzwerke, Rückkehrer und ideologische Mobilisierung auch Europa erneut beeinflussen. Islamismus bleibt somit ein transnationales politisch psychologisches Phänomen.

Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen? Was bereitet Ihnen Sorgen?

Eine zentrale Herausforderung ist die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung. Wenn moralische Dichotomien dominieren, sinkt die Hemmschwelle zur Dehumanisierung. Digitale Räume verstärken Empörung, Kränkung und affektive Radikalisierung.

Sorgen bereitet zudem die Normalisierung extremistischer Narrative im öffentlichen Diskurs. Werden Gewaltbiografien relativiert oder politisch instrumentalisiert, entsteht Ambivalenz gegenüber grundlegenden demokratischen Normen.

Im Praxisfeld bestehen strukturelle Unsicherheiten, projektbasierte Finanzierung, unklare Kompetenzprofile und hohe emotionale Belastung der Fachkräfte. Ohne nachhaltige Professionalisierung drohen Überforderung und Qualitätsverlust.

Nicht zuletzt wirken transgenerationale Traumata, Diskriminierungserfahrungen und historische Gewaltkontexte langfristig fort. Werden diese psychosozialen Dynamiken nicht bearbeitet, bleiben sie als latentes Radikalisierungspotenzial bestehen.

Wie hängen Islamismusprävention und Demokratieförderung zusammen?

Islamismus ist ein totalitärer Gegenentwurf zur pluralistischen Demokratie. Er basiert auf einem absoluten Wahrheitsanspruch, hierarchischer Ordnung und der Legitimation von Gewalt gegen Andersdenkende.

Prävention muss daher national wie international gedacht werden. Islamistischer Extremismus operiert transnational organisatorisch, ideologisch und digital. Nationale Maßnahmen allein reichen nicht aus. Es braucht internationale Kooperation, rechtsstaatliche Aufarbeitung von Gewalt, politische Stabilisierung und wirtschaftliche Perspektiven.

Demokratieförderung stärkt gesellschaftliche Resilienz. Teilhabe, Rechtsstaatlichkeit, Bildung, soziale Gerechtigkeit und Anerkennung reduzieren kollektive Kränkung und Identitätsunsicherheit. Wo Demokratie glaubwürdig und konsistent handelt, entzieht sie totalitären Ideologien einen zentralen Nährboden.

Islamismusprävention ist somit nicht nur Sicherheits- oder Sozialpolitik, sondern eine politische, gesellschaftliche und psychosoziale Gesamtaufgabe.

Vielen Dank für das Interview!

Foto: Roland Sigwart Photographie