Claudia Dantschke ist Vorstand und Geschäftsführerin des Vereins Grüner Vogel e.V. und leitet dort die Beratungsstelle Leben. Sie setzt somit die Arbeit in der von ihr mitgegründeten und geleiteten Beratungsstelle Hayat-Deutschland fort und berät Angehörige von Personen, die sich salafistisch und/oder dschihadistisch radikalisieren, sowie Aussteiger aus der Szene. Im Gespräch mit uns teilt sie ihre Perspektive als Mitglied des KN:IX connect Fachbeirats auf aktuelle Herausforderungen und Entwicklungen:
Warum sind zivilgesellschaftliche Akteure in der (Islamismus-)prävention und der Demokratrieförderung wichtig?
Zivilgesellschaftliche Akteure sind in der Islamismusprävention und der Demokratieförderung besonders wichtig, weil sie eine Brücke zwischen staatlichen Institutionen und den Menschen bilden. Sie agieren unabhängig, glaubwürdig und in der Regel mit einem hohen Maß an Neutralität, was ihnen ermöglicht, Vertrauen aufzubauen – gerade bei Jugendlichen, die staatlichen Stellen eher skeptisch gegenüberstehen. Dieses Vertrauen ist eine zentrale Voraussetzung, um präventiv wirken zu können und kritische Prozesse überhaupt anzustoßen.
Ein weiterer zentraler Vorteil ist der niedrigschwellige Zugang zu ihren Angeboten: Zivilgesellschaftliche Organisationen sind häufig vor Ort präsent, leicht erreichbar und bieten Formate an, die ohne Hürden genutzt werden können. Dadurch erreichen sie auch junge Menschen, die sich formalen Bildungs- oder Präventionsangeboten entziehen würden. Durch ihre Nähe zu den Lebenswelten der Zielgruppe können sie flexibel reagieren, Beziehungen aufbauen und Räume für offenen Austausch schaffen – ohne zu stigmatisieren. Insgesamt leisten sie damit einen entscheidenden Beitrag zur Stärkung demokratischer Werte und zur Prävention von Radikalisierung.
Wie entwickelt sich Ihrer Einschätzung nach die Islamismusprävention in den nächsten zehn Jahren? (Stichwort: Prognose)
Die Entwicklung der Islamismusprävention in den nächsten zehn Jahren wird stark davon abhängen, wie sich die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland, in Europa und auch international weiterentwickeln. Es ist davon auszugehen, dass Prävention an Bedeutung gewinnen und weiter professionalisiert wird, insbesondere durch bessere Vernetzung, wissenschaftliche Begleitung und langfristigere Förderstrukturen. Gleichzeitig wird der Bedarf voraussichtlich nicht abnehmen, sondern eher wachsen.
Der Terrorismus ist in der Vergangenheit immer wieder in Erscheinung getreten – häufig wellenförmig und in Zusammenhang mit internationalen Konflikten. Solange es weltweit zahlreiche Konfliktgebiete gibt, die Gewalt, Instabilität und Radikalisierung begünstigen, ist auch weiterhin mit solchen Wellen zu rechnen, die bis nach Europa und Deutschland ausstrahlen können. Entsprechend wird sich die Islamismusprävention immer wieder neuen Dynamiken anpassen müssen.
Entscheidend wird zudem sein, ob es gelingt, der nächsten Generation Demokratie als etwas Erstrebenswertes zu vermitteln. Dazu gehört, dass junge Menschen das Gefühl haben, wirklich teilhaben zu können und dass ihre Bedürfnisse innerhalb dieses Systems gehört und berücksichtigt werden. Wenn Demokratie als fair, inklusiv und wirksam erlebt wird, kann dies Radikalisierungstendenzen entgegenwirken. Gelingt dies nicht, besteht die Gefahr, dass sich Entfremdung, Frustration und Anfälligkeit für extremistische Ideologien verstärken – was wiederum das Ausmaß zukünftiger Radikalisierungswellen beeinflussen würde.
Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen für Ihre Arbeit in diesem Bereich? Was bereitet Ihnen Sorgen?
Die größten Herausforderungen sehe ich derzeit vor allem in der zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung, die sich auch in meiner Arbeit deutlich widerspiegelt. Immer öfter melden sich Angehörige, die bereits das Interesse ihres Kindes für den Islam als besorgniserregend empfinden. Polarisierung erschwert den Dialog und macht es schwieriger, junge Menschen zu erreichen, die sich bereits in Richtung radikaler Positionen bewegen. Besonders besorgniserregend finde ich den Einfluss sozialer Medien auf Kinder und Jugendliche: Algorithmen verstärken Extrempositionen, und vermitteln verzerrte Weltbilder. Gleichzeitig fehlt es vielen jungen Menschen an positiven Orientierungspersonen, die Halt, Werte und Perspektiven vermitteln.
Eine zentrale Herausforderung für meine Arbeit ist zudem die Frage der Nachhaltigkeit – insbesondere in finanzieller Hinsicht. Viele Projekte sind zeitlich befristet, obwohl Präventions- und Ausstiegsarbeit langfristige Strukturen braucht. Eng damit verbunden ist die Frage der Erreichbarkeit der Zielgruppe: Wie erreichen wir diejenigen Jugendlichen, die sich bereits zunehmend radikalisieren? Hier Lösungen zu finden, ist derzeit eine der größten Aufgaben.
Vielen Dank für das Interview!
Foto: Henning Schacht / BMI