Gute Prävention vermeidet Stigmatisierung – Interview mit Prof. Dr. Peter Neumann

Wie kann nachhaltige Prävention gelingen und welche Rolle nimmt die Zivilgesellschaft dabei ein? Ein Gespräch mit dem KN:IX connect Fachbeirat

Prof. Dr. Peter Neumann ist Professor für Security Studies am War Studies Department des King’s College London. Er gründete 2008 das International Centre for the Study of Radicalisation und war OSZE-Sonderbeauftragter für die Bekämpfung von gewaltsamem Extremismus. Zu seinen Forschungsthemen gehören u. a. die Radikalisierungs- und Terrorismusbekämpfung. Im Gespräch mit uns teilt er seine Perspektive als Mitglied des KN:IX connect Fachbeirats auf aktuelle Herausforderungen und Entwicklungen:

Warum sind zivilgesellschaftliche Akteure in der (Islamismus-)prävention und der Demokratrieförderung wichtig?

Zivilgesellschaftliche Akteure sind zentral, weil Radikalisierung selten primär ein Sicherheitsproblem ist, sondern ein soziales. Prävention findet dort statt, wo Vertrauen entsteht: in Schulen, Moscheegemeinden, Jugendzentren, Online-Communities oder Familien. Staatliche Stellen stoßen hier oft an Grenzen – sie werden als kontrollierend wahrgenommen, nicht als unterstützend.

NGOs, lokale Initiativen und religiöse Akteure verfügen über Nähe, kulturelle Kompetenz und Glaubwürdigkeit. Sie können frühzeitig Risiken erkennen, alternative Narrative anbieten und Ausstiegsprozesse begleiten. Gerade im Bereich Islamismusprävention ist es entscheidend, nicht ganze Gemeinschaften zu stigmatisieren, sondern partnerschaftlich zu arbeiten.

Zugleich stärken zivilgesellschaftliche Organisationen demokratische Resilienz: Sie fördern politische Bildung, Partizipation und Konfliktfähigkeit – also genau jene Kompetenzen, die extremistische Ideologien untergraben. Nachhaltige Prävention gelingt nur, wenn sie gesellschaftlich verankert ist. Sicherheitspolitik kann Risiken eindämmen; Demokratie lebt jedoch von aktiver Zivilgesellschaft.

Wie hängen Islamismusprävention und Demokratieförderung zusammen?

Islamismusprävention und Demokratieförderung sind eng miteinander verknüpft, weil beide auf dieselben gesellschaftlichen Grundlagen zielen: politische Teilhabe, Rechtsstaatlichkeit und Vertrauen in Institutionen. Extremistische Ideologien gewinnen dort an Attraktivität, wo Menschen sich ausgeschlossen, machtlos oder kulturell entfremdet fühlen. Demokratieförderung setzt genau hier an – durch politische Bildung, Stärkung lokaler Beteiligungsformate und Förderung pluralistischer Debattenkultur.

Prävention bedeutet daher nicht nur, Radikalisierung zu verhindern, sondern demokratische Resilienz aufzubauen. Wer lernt, Konflikte friedlich auszutragen, Ambiguität auszuhalten und unterschiedliche Identitäten zu akzeptieren, ist weniger anfällig für autoritäre Heilsversprechen. Umgekehrt untergräbt erfolgreiche Prävention extremistische Milieus und stärkt das Vertrauen in demokratische Verfahren. Beide Politikfelder sind somit zwei Seiten derselben Medaille.

Wodurch zeichnet sich eine gute Islamismusprävention aus Ihrer Sicht aus?

Gute Islamismusprävention ist frühzeitig, evidenzbasiert und lokal verankert. Sie setzt nicht erst bei strafrechtlich relevantem Verhalten an, sondern adressiert Risikofaktoren wie Ausgrenzung, Identitätskonflikte und Desinformation. Entscheidend ist Vertrauen: Maßnahmen müssen mit Communities entwickelt werden, nicht über sie hinweg.

Wirksam ist Prävention, wenn sie mehrere Ebenen verbindet – politische Bildung, soziale Unterstützung, Online-Intervention und individuelle Beratung. Sie braucht qualifiziertes Personal, langfristige Finanzierung und klare Qualitätsstandards. Ebenso wichtig ist Evaluation: Programme sollten regelmäßig überprüft und angepasst werden.

Schließlich vermeidet gute Prävention Stigmatisierung. Sie unterscheidet klar zwischen religiöser Praxis und extremistischer Ideologie, stärkt demokratische Kompetenzen, und sie arbeitet mit Sicherheitsbehörden zusammen, wann immer notwendig, aber repliziert nicht deren Arbeit.

Vielen Dank für das Interview!

Foto: (c) Laurence Chaperon