Naika Foroutan ist Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik am Institut für Sozialwissenschaften (ISW) der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist Gründungsmitglied des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) und Direktorin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Islamdiskurs, hybrider Identität junger Muslim*innen in Deutschland und gesellschaftlicher Kohäsion. Im Interview erläutert sie, wie politische Teilhabe, Dialog und zivilgesellschaftliche Initiativen dazu beitragen, Radikalisierung vorzubeugen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.
Was motiviert Sie persönlich im Fachbeirat von KN:IX connect mitzuwirken?
Als Hochschullehrerin möchte ich Wissen nicht nur im Hörsaal vermitteln, sondern aktiv in die Gesellschaft tragen. KN:IX connect sehe ich dabei als eine Plattform mit großem Potenzial. Aus meiner Forschung weiß ich, wie eng gesellschaftlicher Zusammenhalt mit Extremismusprävention verbunden ist – und wie herausfordernd diese Arbeit sein kann. Gerade deshalb halte ich Räume für Austausch, Vernetzung und Wissenstransfer für wichtiger denn je.
Warum sind zivilgesellschaftliche Akteure in der (Islamismus-)prävention und der Demokratieförderung wichtig?
Zivilgesellschaftliche Akteure spielen eine zentrale Rolle, weil sie direkt in den Lebenswelten von Menschen agieren und Vertrauen aufbauen können, da dies staatlichen Institutionen oft fehlt. Sie sind in der Lage, frühzeitig problematische Entwicklungen zu erkennen, auf lokale Bedürfnisse einzugehen und niedrigschwellige Angebote für Bildung, Dialog und gesellschaftliche Teilhabe zu schaffen.
In der Islamismusprävention tragen sie dazu bei, Radikalisierungsprozesse zu erkennen und alternative Handlungsräume anzubieten, bevor ideologische Eskalationen auftreten. Gleichzeitig fördern sie Demokratiefähigkeit, indem sie Beteiligung, Meinungsvielfalt und soziale Integration stärken. Durch diese doppelte Funktion wirken zivilgesellschaftliche Initiativen sowohl präventiv gegen Extremismus als auch stabilisierend für demokratische Strukturen.
Welche Themen bekommen zu viel Aufmerksamkeit in öffentlichen Diskursen – welche zu wenig?
Seit dem 7. Oktober werden muslimische Menschen in öffentlichen Debatten pauschal als potenzielle Antisemit*innen dargestellt. Solche Diskurse halte ich für gefährlich, da sie nicht nur ganze Gruppen verallgemeinern, sondern auch die komplexen sozialen, historischen und politischen Zusammenhänge ausblenden, die auf Menschen in der Diaspora wirken. Eine solche Vereinfachung führt dazu, dass gesellschaftliche Spannungen verstärkt werden, anstatt produktiv bearbeitet zu werden.
Dabei bleibt zudem oft unberücksichtigt, dass sowohl muslimische als auch jüdische Gemeinschaften in unterschiedlichen historischen und gegenwärtigen Kontexten Erfahrungen von Schmerz, Diskriminierung und Ausgrenzung gemacht haben. Und auch, dass es zahlreiche Allianzen zwischen diesen Gruppen in der Diaspora gibt. Solche Erfahrungen sichtbar zu machen, ist zentral für das Verständnis postmigrantischer Dynamiken und die Förderung eines inklusiven Zusammenhalts. Ausgrenzungserfahrungen auf der anderen Seite bilden den perfekten Nährboden für Radikalisierung.
Ich sehe deswegen großes Potenzial darin, Antimuslimischen Rassismus und Antisemitismus nicht isoliert, sondern als miteinander verknüpfte gesellschaftliche Herausforderungen zu betrachten. Anstatt ganze Gruppen unter Generalverdacht zu stellen, sollten diese in ihren spezifischen Konflikterfahrungen ernst genommen werden: ihre Stimmen gehört, ihre Perspektiven analysiert und ihre Erfahrungen in politische und gesellschaftliche Lösungsansätze eingebunden werden. Nur so können präventive Strategien, Dialogangebote und Bildungsmaßnahmen wirksam sein und die gesellschaftliche Kohäsion stärken.
Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen für Ihre Arbeit in diesem Bereich? Was bereitet Ihnen Sorgen?
Finanzielle Kürzungen im sozialen Bereich und in Bildungs- und Präventionsprogrammen begrenzen die Möglichkeiten zivilgesellschaftlicher Initiativen und Facharbeit. Das macht es zunehmend schwieriger, wirksame Strategien gegen Extremismus zu entwickeln und gleichzeitig demokratische Strukturen zu stärken.
Wie hängen Islamismusprävention und Demokratieförderung zusammen?
Islamismusprävention und Demokratieförderung sind eng miteinander verknüpft, weil sie beide darauf abzielen, gesellschaftlichen Zusammenhalt und politische Teilhabe zu stärken. Islamismusprävention richtet sich darauf, extremistische Ideologien und Gewaltpotenziale frühzeitig zu erkennen und entgegenzuwirken. Demokratieförderung schafft dagegen stabile Rahmenbedingungen, in denen Menschen ihre Rechte ausüben, sich beteiligen und unterschiedliche Meinungen konstruktiv austauschen können.
Beide Ansätze greifen ineinander: Eine starke demokratische Kultur, in der Vielfalt anerkannt und Konflikte zivilgesellschaftlich ausgetragen werden, reduziert den Nährboden für extremistisches Denken. Gleichzeitig trägt präventive Arbeit gegen Islamismus dazu bei, dass Demokratien nicht durch ideologisch motivierte Gewalt und Polarisierung geschwächt werden.
Kurz gesagt: Wer Demokratieförderung ernst nimmt, stärkt die Resilienz der Gesellschaft gegenüber Extremismus, und wer Prävention betreibt, schützt die demokratischen Strukturen, die Zusammenhalt und Teilhabe ermöglichen.
Vielen Dank für das Interview!
Foto: Janine Schmitz photothek