mit Meryem Tinç | veröffentlicht 04.2026
Influencerinnen auf Social Media prägen nicht nur Trends, sondern beeinflussen auch Deutungen von Religion und Zugehörigkeit. Diese Folge richtet den Blick auf weibliche Akteurinnen, deren islambezogene Inhalte sich im Spannungsfeld zwischen popkulturell-religiösen Ausdrucksformen und ideologischen Narrativen bewegen. Dabei zeigt sich eine Entwicklung, in der die Abgrenzung zwischen unproblematischem Content und extremistischen Positionen in diesen digitalen Räumen zunehmend schwieriger wird – insbesondere in der Peripherie des religiös begründeten Extremismus.
Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die pädagogische Praxis und die Präventionsarbeit? Und wie kann eine Sensibilisierung Jugendlicher für problematischen Content gelingen, ohne religiös positionierte Influencerinnen pauschal zu stigmatisieren?
Darüber sprechen wir in Folge #39 von KN:IX talks mit Meryem Tinç. Sie hat Islamische Theologie und Islamwissenschaft studiert und verfügt über mehrjährige Erfahrung in der Jugendarbeit und Extremismusprävention, unter anderem im digitalen Monitoring islamistischer Akteur*innen.
Im Podcast zu Gast
Meryem Tinç studierte Islamische Theologie und Islamwissenschaft in Frankfurt. Nach mehreren Jahren in der Jugendarbeit wechselte sie in die Extremismusprävention. Dort war sie unter anderem im digitalen Monitoring islamistischer Akteur*innen tätig und arbeitete zudem in der Beratung. Aktuell ist sie im Bereich der Rechtsextremismusprävention tätig. Ihre Schwerpunkte liegen in der Extremismusprävention analog und auf Social Media, in der Jugendarbeit, der Religionssoziologie sowie im interreligiöser Dialog.
Transkript der Folge
(Musik im Hintergrund)
Meryem Tinç: Es ist relativ schwer, das abzugrenzen. Wir haben klassisch salafistische Leute, wie jetzt Hanna Hansen zum Beispiel. Das ist ganz klar, sie hat ihre Themen, ihre Narrative. Aber dann haben wir auch zum Beispiel popkulturell-esoterische Kanäle, die aber auch in das Spektrum reinfallen können, weil sie auch salafistische Narrative verbreiten, aber dann zum Beispiel mischen mit pseudo-psychologischen Geschichten wie Narzissmus.
Wenn wir das jetzt mal vergleichen mit den männlichen Accounts: Meine Kollegin hat immer gesagt, „die Männer stellen die Regeln auf und die Frauen versuchen sie einzuhalten oder predigen davon, sie einzuhalten“. Das heißt, Bekleidung zum Beispiel. Wie hat man den Hijab richtig zu tragen? Beziehungsweise eher so rum: Was ist falsch? Was kann man falsch machen? Und eigentlich kann man alles falsch machen.
Charlotte Leikert (Intro KN:IX connect): KN:IX talks – der Podcast zu aktuellen Themen der Islamismusprävention.
(Musik)
Judith De Santis (KN:IX connect): In der Welt von Social Media, auf Plattformen wie Instagram oder TikTok, jagt ein Trend den nächsten. Dabei entstehen Trends nicht nur online, sondern im Zusammenspiel mit gesellschaftlichen Erfahrungen und Entwicklungen. Verbreitet werden sie vor allem durch Influencer*innen, die mit ihrer Reichweite Meinungen prägen und oft auch Kaufentscheidungen beeinflussen.
Und damit, hallo und herzlich willkommen bei KN:IX talks. Ich bin Judith De Santis und verantworte die Folgen für ufuq.de, schön, dass ihr reinhört!
In dieser 39. Folge schauen wir auf ein spezielles Phänomen: weibliche Influencerinnen, die islambezogenen Content posten, bei dem entweder klar extremistische Narrative verbreitet werden oder sehr unklar ist, ob und in welchem Ausmaß die Inhalte problematisch sind. Denn – und das beobachten wir in der Präventionsarbeit – die Grenzen zwischen ideologischen Inhalten und popkulturell-religiösem Content zum Islam, verschwimmen zunehmend.
Was ist also extremistisch und was nicht? Wie können junge Menschen, für die Influencer*innen zu ihrem Alltag gehören, für problematische Inhalte sensibilisiert werden, ohne dass ihre Interessen und Bedürfnisse abgewertet werden? Und besteht nicht auch die Gefahr, dass religiöse Akteurinnen auf Social Media stigmatisiert werden?
Darüber spreche ich heute mit Meryem Tinç. Sie hat Islamische Theologie und Islamwissenschaft studiert und war mehrere Jahre in der Jugendarbeit tätig, bevor sie zur Extremismusprävention wechselte. Dort war sie unter anderem im digitalen Monitoring islamistischer Akteur*innen und in der Beratung tätig. Aktuell arbeitet sie in der Rechtsextremismusprävention. Ihre Schwerpunkte sind Extremismusprävention analog und auf Social Media, Jugendarbeit, Religionssoziologie und interreligiöser Dialog.
Herzlich Willkommen, Meryem Tinç. Schön, dass du heute hier bist.
Meryem Tinç: Hi, ich freue mich auch.
Judith De Santis (KN:IX connect): Wenn es um Influencerinnen geht, die auf Social Media zielgruppengenauen Content zu Themen rund um den Islam posten und verbreiten, hört und liest man oft den Begriff Islamfluencerinnen oder Islamfluencing. Was ist das eigentlich genau, Islamfluencing? Wie würdest du den Begriff verstehen und einordnen?
Meryem Tinç: Das ist natürlich ein sehr knackiger Begriff. Aber ich glaube, hinter dem knackigen Begriff stecken auch immer verschiedene Gedankengänge. Also, wenn wir jetzt zum Beispiel von Islamfluencerinnen sprechen, von Menschen, die einfach über den Islam sprechen, passt das vielleicht. Aber wenn wir das allgemein, also auch auf Menschen, die extremistische Narrative verbreiten, dann würde ich da schon ein bisschen kritisch drauf gucken. Also, das grenzt nicht ganz ab. Ist es jetzt extremistisch? Ist es jetzt Mainstream-Islam? Und ich glaube, es wäre schon wichtig, das abzugrenzen.
Weil wenn wir das alles unter Islamfluencing machen, dann könnte das schon, wenn ich das jetzt einfach so höre, möglicherweise auch stigmatisierend sein für die Leute, die vielleicht einfach nur über die Religion sprechen.
Judith De Santis (KN:IX connect): Die einfach religiösen Content posten …
Meryem Tinç: Genau, ich würde das schon abgrenzen. Ich habe ja öfter den Begriff – ich versuche ihn ja durchzusetzen – Predigenzer oder Predigenzerinnen – jetzt nur in einem Fall, darüber reden wir ja gleich noch mal – benutzt. Weil dieses Predigen dahinter noch mal sehr spezifisch ist, meiner Meinung nach. Ich weiß nicht, ob ich den Begriff Islamfluencerinnen benutzen würde über das Thema, über das wir heute sprechen. Wahrscheinlich eher nicht. Aber ich verstehe, dass das ein total knackiger Begriff ist. Und wir haben es ja jetzt ein bisschen eingeordnet.
Judith De Santis (KN:IX connect): Wenn wir jetzt über solche Influencing-Praktiken generell mal sprechen: Ab wann wird es denn problematisch, wenn wir das mit Extremismus verbinden
Meryem Tinç: Das ist ja immer so die Frage, ab wann es problematisch ist, ab wann es extremistisch ist oder nicht. Und das ist auch relativ schwer abzugrenzen, vor allem, wenn wir in der Online-Welt unterwegs sind. Ich sage immer, wenn man mich fragt, was ist extremistisch, ab da, wo man anderen schadet. So, jetzt ist die Frage, schadet man mit Online-Narrativen Leuten. Schadet man, wenn man Narrative verbreitet?
Ich würde sagen, es beginnt da, wo es in ein geschlossenes, möglicherweise auch salafistisches Weltbild hineingeht. Wo man versucht, und das machen jetzt zum Beispiel Prädigenzer – ich benutze jetzt einfach mal meinen Begriff – Prädigenzer, Prädigenzerinnen, vor allem dann, wenn sie Regeln durchsetzen wollen, wenn sie maßregeln wollen, wenn sie emotionalisieren wollen. Und ich finde, das ist dann schon problematisch.
Judith De Santis (KN:IX connect): Wir sprechen ja heute über weibliche Akteure auf Social Media, also über weibliche Influencerinnen. Was bei den Influencerinnen aktuell sehr auffällt, dass die Grenzen zwischen klar ideologischen Inhalten, die man als solche identifiziert, und popkulturell-religiösem Content, dass die immer mehr verschwimmen. Oft ist gar nicht so leicht zu erkennen, ob es sich um eindeutig extremistische Accounts und Botschaften handelt oder um islamisch konnotierte Influencerinnen, die eher, wie gesagt, popkulturell religiösen Content posten.
Mich interessiert dabei, und vielleicht kannst du das mal so ein bisschen aufdröseln: Wie vielfältig ist das Spektrum dieser Influencerinnen? Lassen sich da verschiedene Typen oder Gruppen identifizieren?
Meryem Tinç: Die Social-Media-Welt ist ja sehr vielfältig und sehr popkulturell. Wir haben ja gewisse Trends, wie zum Beispiel Coaching, binäre Männlichkeits-, Weiblichkeitsgeschichten. Und die Influencerinnen sind ja ein Teil eben dieser Social-Media-Welt. Und die Social-Media-Welt lebt ja von Trends. Also, ein Trend jagt quasi den anderen. Und diese Influencerinnen oder diese – ich sage jetzt mal, Akteurinnen, weil nicht jede von denen hat die Reichweite, sodass wir sie Influencerinnen überhaupt nennen können – bewegt sich ja innerhalb dieser popkulturellen Blase. Das heißt, die Trends, die vermischen sich auch untereinander. Und so mischen sich zum Beispiel religiöse Narrative mit popkulturellen Trends.
Und wenn du mich jetzt fragst nach den verschiedenen Gruppen, dann würde ich sagen, inhaltlich kannst du die vielleicht schon abgrenzen. Aber von den Formaten her oder von den Vermischungen her ist das recht schwierig. Wir können natürlich ganz klassisch sagen, wir haben salafistische Accounts, die sich aber mischen, und da komme ich jetzt wieder drauf, mit diesen popkulturellen Trends.
Wir haben zum Beispiel salafistische Coachinnen. Wir haben salafistische Ernährungsberaterinnen, salafistische Eheberaterinnen. Sie sind ein Teil dieser Welt. Aber die Narrative sind durchaus schon als salafistisch einzuordnen.
Also es ist relativ schwer, das abzugrenzen. Wir haben ganz klassisch salafistische Leute, wie jetzt Hanna Hansen zum Beispiel. Das ist ganz klar, sie hat ihre Themen, ihre Narrative. Aber dann haben wir auch popkulturell-esoterische Kanäle, die aber durchaus auch in das Spektrum reinfallen können, weil sie auch salafistische Narrative verbreiten. Aber dann zum Beispiel mischen mit so pseudo-psychologischen Geschichten wie Narzissmus. Also es gibt zum Beispiel so Accounts, die sagen, ja, hier, du bist erst eine gute Ehefrau, wenn du deinen Mann von seinem Narzissmus heilst. Wir haben ja ganz viel Pseudo-Psychologie aktuell auf Social Media. Und das meinte ich damit, die Trends vermischen sich.
Dann haben wir zum Beispiel ganz klassische dschihadistische Accounts, aber wenige.
Judith De Santis (KN:IX connect): Bei Frauen eher weniger?
Meryem Tinç: Bei Männern auch. Also wenn wir jetzt über die offenen Plattformen sprechen, über TikTok und Instagram zum Beispiel.
Judith De Santis (KN:IX connect): Mit offen meinst du, öffentlich zugänglich für alle? Keine geschlossenen Räume wie Telegram-Räume zum Beispiel.
Meryem Tinç: Genau. Dann findet man dschihadistische Accounts schon, aber die haben nicht so viel Reichweite und die sind auch nicht so krass offen. Was wahrscheinlich daran liegt, dass es strafbar ist, dschihadistisch zu sein. Und die wissen ganz genau, wo die Grenzen sind. Sonst könnten sie nicht online bleiben. Sie brauchen ja quasi eine Legitimation. Das heißt, wir haben schon Frauen, die teilweise in Syrien sind, die Spendengelder auch sammeln für Syrien. Die sind klipp und klar. Da gab es auch schon gewisse Razzien. Da gibt es Free Our Sisters und so weiter. Solche Accounts haben wir auch. Aber die sind eher weniger, würde ich sagen, in der Beobachtung, die ich gemacht habe.
Judith De Santis (KN:IX connect): Wenn wir jetzt mal konkret reingehen: Welche Akteurinnen fallen dir aus diesen Gruppen, die wir jetzt besprochen haben, besonders auf? Vielleicht durch ihre Reichweite, durch ihre Popularität, durch ihr Auftreten oder die Art, wie sie Inhalte und Botschaften vermitteln?
Meryem Tinç: Also ich habe ja gerade einen Namen genannt, der momentan in aller Munde ist, Hanna Hansen. Sie ist ein relativ neues Phänomen. Als ich mit dem Monitoring angefangen habe, war die noch gar nicht bekannt.
Judith De Santis (KN:IX connect): Wann war das?
Meryem Tinç: Das war vor drei Jahren oder so. Ich würde sagen, in den letzten anderthalb, zwei Jahren ist sie bekannt geworden. Ich erwähne sie deswegen, weil sie ein ganz besonderes Phänomen ist. Sie ist nämlich genau das, was ich mit Predigenzer, Predigenzerinnen meine. Und mir fällt da ehrlich gesagt vor allem Hanna Hansen ein, weil sie vom Auftritt her, von der Sprache und vom Sprachrhythmus – das muss man auch dazu sagen, das erkläre ich gleich – sehr an die männlichen Predigenzer, ich benutze den Begriff jetzt einfach durchgehend, erinnert.
Mit Sprachrhythmus meine ich – also man kennt das ganz klassisch von Pierre Vogel, dieses, kann ich demagogisch sagen, dieser Auftritt, dieses Eindringliche mit Sprachrhythmus. Das könnte man auch sogar mal vergleichen in einer Studie oder so was. Da ist mir sehr stark aufgefallen, dass sie sehr stark eben an die männlichen Prediger, Predigenzer erinnert. Auch vom Inhalt her.
Nur bei ihr spezifisch ist, dass sie vor allem Frauen anspricht. Das sagt sie auch immer wieder. Sie sagt immer wieder Schwestern, also spricht wirklich spezifisch Schwestern, Frauen an. Während jetzt so gängige Prediger, die man so kennt, zum Beispiel Pierre Vogel, Abul Baraa, Sheikh Ibrahim und so weiter. Deren Zielgruppe ist ja relativ offen, Männer und Frauen. Aber bei Hanna Hansen ist es so, dass sie spezifisch Frauen anspricht.
Ansonsten, weitere Accounts sind mir immer aufgefallen, da habe ich ja gerade drüber gesprochen, über Coachinnen zum Beispiel. Da haben wir jetzt eine Coachin, die nennt sich UmmahMind. Ich verbreite nicht so gerne Namen, weil ich, das ist mit dieser Vermischung, es ist immer schwer abzugrenzen, was ist salafistisch und was nicht, und ich möchte nicht stigmatisieren. Mir ist nur zum Beispiel der Account sehr stark aufgefallen in meinem Monitoring, weil sie sich eben innerhalb dieser salafistischen Bubble bewegt, in diesen Netzwerken bewegt sie sich.
Sie ist eine Coachin. Sie verkauft Abos. Wie kannst du eine gute Ehefrau sein? Wie kannst du eine gute Mutter sein? Und ihre einzige Referenz ist, dass sie eine siebenfache Mutter ist. Und sie mischt dieses Coaching sehr stark mit salafistischen Narrativen. Ich würde jetzt nicht sagen, die ist jetzt eine krasse Islamistin oder so was. Das meine ich wieder mit abgrenzen, ist relativ schwer abzugrenzen. Aber wenn wir uns diese Peripherie, wenn wir uns das so ein bisschen angucken, dann würde ich sagen, das gehört sehr stark dazu. Und sie hat auch eine ziemlich hohe Reichweite, auch durch ihren Ehepartner, der eben auch ein sehr bekannter Prediger ist.
Dann haben wir zum Beispiel noch andere Accounts, die eher kleiner sind. Und da kommen wir auch zu dem Phänotyp weibliche Akteurinnen, die jetzt eher solche Sachen verbreiten wie Bekleidungsvorschriften. Zum Beispiel heute ist mir ein Post aufgefallen, „Schwester, du sollst deine Schultern bedecken.“ Also da gab es ein Bild von einer Frau mit Hijab, die hatte eine Jacke an. Und da hieß es dann, „hier, man sieht deine Schultern. Du musst deine Schultern bedecken. Leg den Hijab über die Schultern.“ Also so, dass man deinen Körper absolut nicht erkennen kann. Also so komplett körper-nihilistisch würde ich das schon fast bezeichnen. Also das ist so etwas, was mir immer wieder auffällt, dass, ja, dass die Bekleidung eine sehr große Rolle spielt.
Judith De Santis (KN:IX connect): Quasi Ratschläge gegeben werden, im Framing des Ratschlag Gebens?
Meryem Tinç: Im Framing des Beschuldigens, würde ich sagen. Das ist ja immer so ein Ding. Wird wirklich eine Nasiha gegeben. Also Nasiha ist Ratschlag, das bedeutet Ratschlag. Wird eine Nasiha gegeben oder wird die Nasiha mit Schuld verpackt und mit Scham verpackt? Und das ist meistens der Fall, wenn wir von, ich würde jetzt sagen, direkt problematischen Accounts sprechen.
Dass, wenn es heißt, du musst eine gute Ehefrau sein, das gleichzeitig mitschwingt, du bist aber keine gute Ehefrau, wenn du das und das und das nicht machst. Das heißt, während des Tipps, während der Nasiha wird gleichzeitig eine Abwertung betrieben. Und zum Beispiel bei diesem Schulterpost, da ging es auch darum, die Frauen, die eben ihre Schulter nicht bedecken, die machen es falsch.
Dann ist mir zum Beispiel ein weiterer Post aufgefallen. Es war ja der Weltfrauentag, zu dem Zeitpunkt, wo wir jetzt aufnehmen, war das vor ein paar Tagen. Und da gab es einen Post dazu: „Brauchen muslimische Frauen den Weltfrauentag? Nein. Sie sollten nicht bei Trends mitmachen.“ Das heißt, da wird komplett die feministische Perspektive, die hinter so einem Weltfrauentag oder feministischen Kampftag steckt, komplett zur Seite geschoben und abgegrenzt von sich selbst. Da wird wieder so ein dualistisches „muslimische Welt, westliche Welt“ hergestellt.
Judith De Santis (KN:IX connect): Da kommen wir eigentlich schon zu den Themen. Zu was posten denn die Influencerinnen hauptsächlich? Welche Themen stehen im Mittelpunkt?
Meryem Tinç: Bei Hanna Hansen sind es sehr viele klassische Themen. Damit meine ich wieder Nasiha, Himmel, Hölle. Du sollst keine Sünden begehen, sonst kommst du in die Hölle. Die Dunya, also die irdische Welt. Das wird ja immer abgegrenzt. Die Dunya vom Jenseits, es wird immer sehr viel auf Dunya gepocht. Die Dunya sei verdorben. Und Hanna Hansen sagt es so als Zeugin. Das ist ja etwas, was sie auch noch mal ausmacht. Sie ist konvertiert, sie war früher Boxerin. Sie sagt von sich selbst, sie hat das Leben schon gelebt. Sie hat die Dunya gelebt, und da gibt es nichts zu holen. Und sie als Zeugin kann sagen, „ihr braucht das nicht, Schwestern“, sozusagen. Also ich benutze jetzt den Wortlaut. Sie stellt sich so ein bisschen da wie so eine große Schwester. Ähnlich kennt man das ja auch von so einem Abul Baraa, der sich wie so ein großer Bruder hinstellt, oder so ein Abdelhamid.
Was wir auch noch haben, sind zum Beispiel bei Hanna Hansen ganz spezifisch, und das kennt man auch als Trend: Online-Konvertierungen. Also dass dann Frauen sie anrufen. Sie stellt sich ja schon als islamische Autorität dar. Und dann am Handy konvertieren. Und sie nimmt das dann auf und teilt das dann.
Judith De Santis (KN:IX connect): Als Video auf Social Media?
Meryem Tinç: Genau, als Video auf Social Media. Sie hat das auch in Predigten, also wo Predigten aufgenommen wurden, da sind dann auch Frauen hin und konvertieren bei ihr. Auch das kennt man sehr stark von Pierre Vogel zum Beispiel, dass Leute bei ihm konvertiert sind, dass das dann gefeiert wird, dass es geteilt wird.
Bei ihr ist es noch mal so, dass sie sich gleichzeitig noch mal als eine Autorität hinstellt, bei der man konvertieren kann. Und als große Schwester, die einen dann auffängt. Sie fragt dann immer auch ganz spezifisch, „machst du das freiwillig?“ Und die anderen sagen dann, „ja, ich mache das freiwillig“. Und damit ist die Sache eigentlich schon gegessen. Das ist ein Trend, also tatsächlich, dieses Online-Konvertieren.
Dann habe ich ja gerade gesagt, es gibt viele Accounts, die so spirituell-esoterisch unterwegs sind. Da haben wir Accounts, die sich eben pseudowissenschaftlich, pseudopsychologisch äußern. Da haben wir, „wie heilst du deinen Mann von seinem Narzissmus?“ „Den heilst du, indem du geduldig bist und eine Frau muss ihren Mann auffangen und eine Frau muss ihren Mann gut behandeln und der Mann muss die Frau erziehen.“
Also so ganz klassische Ehethemen. So dieses Thema Ehe und Beziehung ist ein ganz, ganz großes Thema. Und es wird halt unterschiedlich aufgefangen. Wir haben bei TikTok zum Beispiel Accounts, sehr junge Frauen, scheint so. Also es sind Frauen, die meistens Niqab tragen, aber es scheint so, als ob sie sehr jung sind, die dann sehr romantisierte Bilder der Ehe posten. Also eine Frau spielt Ball mit ihrem Mann und mit Niqab und er mit Bart. Also ganz klassisch. Ist ja auch alles gut und schön. Aber meistens wird das dann noch mal verpackt mit, „wie hat eine gute Ehefrau und wie hat ein guter Ehemann zu sein?“ Das haben wir auch sehr stark, zum Beispiel bei TikTok.
Und weitere Themen, also das ist halt so, dass die Frauen, die Akteurinnen, meistens sehr spezifisch auf Frauenthemen eingehen.
Judith De Santis (KN:IX connect): Genderthemen?
Meryem Tinç: Ja, Themen, die sie für Frauen, die spezifisch für Frauen sind. Ja, Genderthemen vielleicht auch. Wir sind aber, wir bewegen uns in einem binären Genderbild, wenn wir in dem salafistischen Spektrum sind.
Judith De Santis (KN:IX connect): Das ist vielleicht mal wichtig zu sagen.
Meryem Tinç: Genau, das muss man dazu sagen. Weil wenn ich sage, spezifisch Frauenthemen, dann meine ich nicht die Frauenthemen, die ich jetzt für Frauen aussuchen würde. Sondern Frauenthemen, die in diesem binären Rollenkomplex für Frauen gedacht sind.
Damit meine ich Mutterschaft, ist ein ganz großes Thema. Meistens, „wie kann ich eine gute Mutter sein?“ „Oder wie erziehe ich mein Kind islamisch, fernab der westlichen Welt?“ Da haben wir zum Beispiel so eine UmmahMind, die dann damit prahlt, dass sie ihre Kinder nicht in die Kita schickt, weg von westlichen Einflüssen erzieht. Damit auch so ein bisschen Coachings gibt. „Wie kannst du dein Kind islamisch erziehen?“ Mit einer gleichzeitigen Abwertung dessen, dass Frauen, die ihre Kinder in die Kita bringen, die Kinder westlichen Einflüssen unterwerfen lassen.
Das muss man dazu sagen, weil sonst könnte man ja sagen, ist ja alles gut und schön. Aber das schwingt halt immer so ein bisschen mit.
Judith De Santis (KN:IX connect): Da wird diese Gegenüberstellung deutlich, „der Westen und wir“.
Meryem Tinç: Genau. Wir haben, ich würde sagen, schon Antifeminismus mit da. Das habe ich ja auch schon gesagt. Das ist so eine Ablehnung gegenüber dem Westlichen oder das, was als westlich gesehen wird. Feminismus, so quasi alles, was westlich konnotiert ist, wird abgelehnt.
Wenn wir das jetzt mal vergleichen zu den männlichen Accounts, dann, also meine Kollegin hat immer gesagt, die Männer stellen die Regeln auf und die Frauen versuchen, sie einzuhalten oder predigen davon, sie einzuhalten. Also das heißt, Bekleidung zum Beispiel. Also, wie hat man den Hijab richtig zu tragen beziehungsweise eher so rum, was ist falsch? Quasi, was kann man falsch machen? Und eigentlich kann man alles falsch machen. Selbst wenn man den Niqab trägt, wird dann oft kritisiert, dass man die Augen noch sieht oder…
Judith De Santis (KN:IX connect): Das wird von den Influencerinnen selbst kritisiert?
Meryem Tinç: Ich meine damit, dass Frauen, die den Niqab tragen, oft gecancelt werden. Frauenaccounts nehmen sehr oft das Thema Bekleidung zum Anlass, andere Frauen abzuwerten im islamistischen Spektrum. Wir bewegen uns ja jetzt da.
Judith De Santis (KN:IX connect): Wie unterscheiden sich die Influencerinnen eigentlich von männlichen Accounts auf Social Media, also in Format, Stil und Darstellungsweise? Da gibt es ja schon grundsätzliche Unterschiede.
Meryem Tinç: Zum Beispiel – Hanna Hansen tue ich mal beiseite, weil ich habe ja gerade gesagt, dass sie sehr den männlichen Predigern, Predigenzern ähnelt – bei weiblichen Accounts ist es oft so, dass sie ohne Profilbild auftreten, ohne Klarnamen und ohne Stimme. Das heißt, alles, was Äußerlichkeiten betrifft, wird abgelehnt in der Regel. Dass sie unsichtbar auftreten und trotzdem ein Teil des Games sind. Zum Beispiel wird ja die Stimme auch zur Aura gezählt. Aura bedeutet alles Äußerliche, was äußerliche Reize betreffen kann. Dazu wird auch die Stimme zum Beispiel gezählt. Und die Frauen treten oft ohne Äußerlichkeiten, ohne Stimme auf, weil es eben zu dieser Regel passt. Dieses Unsichtbarsein.
Sie passen sich diesen Regeln an, die sie selbst verbreiten. Sie sagen ja oft, im salafistischen Weltbild ist es so, eine Frau hat zu Hause zu sein, eine gute Frau und Ehefrau und Mutter zu sein. Das heißt, sie spielen mit in diesem ganzen Game von islamistischen Akteuren und Akteurinnen. Sie sind Teil der Bubble. Aber sie sind Teil innerhalb der Regeln, die sie selbst verbreiten.
Das ist vielleicht auch der Grund, warum Frauen oder weibliche Accounts nicht so eine hohe Reichweite haben. Weil sie eben nicht so klassisch auftreten. Hanna Hansen, wie gesagt, nehmen wir beiseite, sie ist so ein Phänomen. Aber die meisten weiblichen Accounts, die ich im Monitoring betrachtet habe, die sind eben unsichtbar sichtbar.
Und jetzt könnte man sagen, ja, aber wenn sie doch zu Hause bleiben, oder wenn sie propagieren, zu Hause zu sein, unsichtbar zu sein, warum sind sie dann überhaupt online? Dann würde ich sagen, das ist so eine Ambivalenz. Vielleicht könnte man das auch als „Emanzipation“ ihrerseits betrachten, also alles auch in Anführungsstrichen. Dass man sagt, okay, sie rufen dazu auf, zu Hause zu sein, aber machen Business von zu Hause aus. Das heißt: Du kannst von zu Hause aus Business machen, du kannst von zu Hause aus die Regeln befolgen und trotzdem die Inhalte verbreiten und Daʿwa machen.
Judith De Santis (KN:IX connect): Also schon eine Form vielleicht von weiblicher Selbstermächtigung, aber zu den eigenen Bedingungen, unter den eigenen Regeln?
Meryem Tinç: Unter den Regeln, die die Männer aufgestellt haben. Ja.
Judith De Santis (KN:IX connect): Warum ist denn Hanna Hansen sichtbar? Du hattest über die Unsichtbarkeit gesprochen, dass viele nicht mit ihrem Klarnamen auftreten, nicht mit einem Bild. Bei Hanna Hansen ist das ja ganz anders. Sie ist die ganze Zeit sichtbar. Hast du da eine Vermutung?
Meryem Tinç: Meine persönliche Vermutung ist, dass sie ein aktiver Token ist. Das muss ich ein bisschen ausführen. Damit meine ich, dass sie als konvertierte Frau, die auch einen gewissen Bekanntheitsgrad hat, dadurch eine Legitimation von den männlichen Accounts bekommt. Weil es ist ja immer so, wer hat die Deutungshoheit? Und meistens sind es eben die männlichen Accounts. Dass sie nicht gecancelt wird. Dass sie quasi nach dem Motto, „wir sind doch progressiv, wir haben doch auch Frauen, wir haben Frauen, die sind sichtbar. Hier, man sieht doch, unsere Schwester, die holt die Schwestern ab“. Dass sie eine gewisse Rolle erfüllt mit ihrer Sichtbarkeit. Das wäre jetzt meine Vermutung auf der einen Seite.
Aber gleichzeitig ist sie natürlich auch eine aktive Akteurin, die jetzt nicht einfach nur ausgenutzt wird von Männern oder instrumentalisiert wird. Sondern sie ist auch eine aktive Akteurin, die da auch mitspielt und die da auch ihre eigene Narrative verbreitet und ihre Reichweite auch nutzt, um, in Anführungsstrichen, „salafistische Daʿwa“ zu betreiben.
Judith De Santis (KN:IX connect): Ich habe mich in Vorbereitung auf die Podcast-Folge auch öfter mal gefragt, warum die das eigentlich machen. Also, welche Absichten stecken hinter den Accounts dieser Influencerinnen mit extremistischen Inhalten oder diesen popkulturell-religiösen Influencerinnen? Geht es um Selbstermächtigung? Geht es eher um Reichweite? Geht es um Vermittlung von Ideologien?
Meryem Tinç: Ich würde sagen, alles. Und auch das kann man nicht auf einzelne Accounts beschränken. Ich glaube, unterschiedliche Accounts haben auch unterschiedliche Absichten. Ich glaube auch, viele der Akteurinnen, die sich in dieser Bubble bewegen, wollen eigentlich nur etwas Gutes, in ihrem Sinne. Also nach ihren Bedingungen. Aber sie wollen eigentlich nur Daʿwa betreiben. Im Sinne von, sie wollen andere Frauen belehren, die Regeln einzuhalten.
Aber dann haben wir natürlich auch so Akteurinnen wie Hanna Hansen oder zum Beispiel UmmahMind, die gleichzeitig ihr Business betreibt. Bei ihr spielen monetäre Geschichten auf jeden Fall eine Rolle. Es sind sehr hohe Preise für die Abos. Sie macht ihr Business ganz klipp und klar. Und der Salafismus ist, glaube ich, einfach nur ein Framing dort. Bei einigen Frauen geht es tatsächlich um Selbstermächtigung und Business. Mit Selbstermächtigung meine ich, von zu Hause aus, nach den Regeln, nach den Bedingungen, Business zu betreiben.
Bei solchen Leuten wie Hanna Hansen würde ich jetzt schon sagen, denen geht es sehr viel um Maßregelung, Reichweite und Inszenierung. Da spielt aber auch Emotionalisierung eine Rolle, diese Schuldgefühle machen, Schamgefühle produzieren.
Judith De Santis (KN:IX connect): Kommen wir zu den möglichen Wirkungen dieser Accounts auf ihre Zielgruppen, beziehungsweise die User*innen. Für wen sind diese Online-Angebote eigentlich interessant und warum? Was denkst du?
Meryem Tinç: Meine Theorie, vor allem, wenn wir jetzt über weibliche Akteurinnen sprechen: junge Frauen, sehr viele junge Frauen, die vielleicht noch auf der Suche sind, die vielleicht noch nicht verheiratet sind und die irgendwie überlegen, wie sie ihre Ehe führen können. Die vielleicht auf der Suche nach einem Ehepartner sind.
Wir haben ja auch sehr viele Ehevermittlungsseiten auf Instagram. Inzwischen, glaube ich, auch eines von Abul Baraa‘s Institut, so ein offizielles, wo Halal-Ehen geschlossen werden. Meistens sind das dann so Steckbriefe, ohne Bild. Weibliche Steckbriefe sind dann meistens rosa und männliche sind grau. Und dann wird gematcht oder jemand schreibt dann hier, ich habe Interesse daran. Und dann steht im Steckbrief, „wie bedeckst du dich?“ Oder „was sind deine Ziele“ und solche Sachen.
Es gibt sicherlich viele junge Frauen, die eben einen Ehepartner suchen oder eine Beziehung eingehen möchten auf eine Halal-Art und Weise. Damit meine ich das, was sie selbst als halal bezeichnen. Meistens ist damit gemeint, dass sie vorher keine Beziehung geführt haben, sondern direkt in die islamische Ehe einsteigen.
Mütter, die ihre Kinder erziehen wollen, aber vielleicht auch nicht wissen, wie. Oder sie auch religiös erziehen wollen und Tipps brauchen. Und ja, ich glaube vor allem junge Frauen sind die Zielgruppe.
Judith De Santis (KN:IX connect): Und die Wirkung ist ja gar nicht so einfach festzustellen, wie solche Accounts wirklich wirken? Man kann Vermutungen anstellen.
Meryem Tinç: Ich kann nur das, was ich aus der Praxis mitkriege, als Evidenz benutzen. Es gibt auch nicht so die Studien darüber, wie verbreitet das ist. Ich habe zum Beispiel, wenn ich jetzt mal kurz aus der Praxis berichten kann, in der Beratung mitbekommen, dass einige junge Jugendliche, die konvertiert sind – meistens sind es dann Konvertierte, von denen ich spreche, oder auch einfach Jugendliche, die aus einer religiösen Familie kommen, aber die Religion nicht die ist, die sie online sehen und die dann als nicht religiös bezeichnen – die dann schon so einen gewissen Einfluss von diesen Accounts haben, das Nachsprechen.
Also es hat schon eine Wirkung auf vor allem jungen Menschen. Es sind ja auch vor allem junge Menschen, die sich eben auf diesen Plattformen bewegen. Gerade TikTok. Aber auch Instagram. Und die Wirkung ist schwer messbar. Aber ich würde sagen, wenn du dir immer wieder so etwas reinziehst und dein Algorithmus sich auch dementsprechend entwickelt, dann können diese Narrative auf jeden Fall einen Einfluss auf dich, dein Religionsbild und dein Weltbild haben.
Judith De Santis (KN:IX connect): Es kann vielleicht auch eine ambivalente Wirkung haben, dass der Content, der konsumiert wird, auch unterhalten, inspirieren, Diskussionen anregen kann in der Community, unabhängig von Ideologien. Es kann aber auch zu möglichen Radikalisierungsverläufen führen. Die Grenzen verschwimmen da auch sehr, oder?
Meryem Tinç: Ich würde auch sagen, auf gar keinen Fall ist jeder, der sich das anguckt, radikal. Ich meine, Hanna Hansen hat über Millionen Klicks in einigen Videos und ich würde nicht davon ausgehen, dass alle Millionen jetzt sich radikalisieren.
Aber, und das ist ja das Problem bei salafistischen Accounts, sie sind ja oft ein Sprungbrett in der Radikalisierung. Sie können Brücken schlagen. Nicht jeder, der sich jetzt Pierre Vogel anguckt, entwickelt ein jihadistisches oder stark salafistisches Weltbild. Aber wenn du dir immer wieder so etwas anguckst und dir auch keine Alternativen anguckst und auch keine Alternativen mehr kennst, weil der Salafismus lehnt ja eigentlich alles andere ab, und so ein Weltbild entwickelst. Dann kann es schon dazu führen, meiner Meinung nach, dass sich Radikalisierungsverläufe beschleunigen oder auch entwickeln.
Es gibt ja auch die Theorie, dass man sagt, du kannst dich auch im Wohnzimmer radikalisieren, ohne je mit einem Prediger gesprochen zu haben oder je mit einer salafistischen Gruppe zu tun gehabt zu haben, weil du dir diese Inhalte anguckst.
Judith De Santis (KN:IX connect): Welche Bedürfnisse sprechen die Inhalte, die verbreitet werden, bei den Userinnen an?
Meryem Tinç: Ich würde sagen, ein Bedürfnis nach Orientierung. Weil sie bieten ja eigentlich klipp und klare Antworten. Die Accounts, die ich genannt habe, die bieten ein ganz klares Frauenbild an. Die bieten ein ganz klares Handlungsfeld an für Frauen. Und auch eine Abgrenzung. „Was hat eine Frau zu machen? Was hat eine Frau nicht zu machen?“ Und da werden Regeln aufgestellt, die eigentlich nur noch eingehalten werden müssen.
Und ich glaube, das bietet schon das Bedürfnis nach Orientierung. Vor allem, wenn man vielleicht auch unsicher ist, vielleicht, wenn man konvertiert ist, wenn man gerade erst reingekommen ist, wenn man sich informieren will und sich noch gar nicht andere Alternativen angeschaut hat, dann kann es auf jeden Fall ein Bedürfnis nach Orientierung erfüllen.
Aber auch, und das haben wir bei weiblichen Accounts sehr stark, das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Man könnte ja jetzt meinen, okay, die sind ja online und man hat nichts miteinander zu tun. Aber meistens ist es so, dass weibliche Accounts auch noch so weiterführende Links haben zu WhatsApp-Gruppen oder zu Telegram-Gruppen – „Schwesterngruppen“ nennen sie das – und dort quasi eine Gemeinschaft bilden online. Manchmal ist es auch so, dass sie dann Online-Seminare haben und dann da zusammenkommen. Manchmal ist es so, dass sie Veranstaltungen teilen, Schwesterntreffs zum Beispiel, lokale Schwesterntreffs.
Judith De Santis (KN:IX connect): Offline auch?
Meryem Tinç: Auch offline, ja. Dass sie dann quasi diese Schwesternschaft so ein bisschen versuchen zu stärken, indem sie diese Treffen machen. Es gab mal so ein Retreat von einem Account, der hat dann eine Veranstaltung organisiert, wo man sich als Frau anmelden konnte. Und dann wurden dort Hijabs verteilt. Und inhaltlich war es dann aus dem Salafismus.
Judith De Santis (KN:IX connect): Also diese Schwesternschaft ist schon ernst gemeint? Das ist nicht so ein inszeniertes Schwestern-wir-sind-verbunden-sein. Sondern das wird wirklich praktiziert?
Meryem Tinç: In vielen Accounts wird das meiner Meinung nach schon praktiziert. Also UmmahMind hat ja auch ihre Gemeinschaft. Die Leute, die ihr folgen, die sind ja tatsächlich auch in ihren Seminaren mit dabei – ob die jetzt online sind oder offline. Und auch andere Accounts, zum Beispiel, die teilen klassisch-salafistische Narrative, aber auf der anderen Seite eben auch so Schwesterntreffs, lokale Schwesterntreffs.
Man muss halt auch bedenken, dass Frauen, die zum Beispiel konvertiert sind, diese Gemeinschaft oft gar nicht haben. Denn die Sprache hindert sie vielleicht, in eine Moschee zu gehen, die türkischsprachig ist oder so etwas in der Art. Oder sie haben in der Umgebung niemanden, der auch muslimisch ist und sie suchen nach Gemeinschaft. Und solche Accounts bieten eben genau das. Sie bieten Gemeinschaft.
Judith De Santis (KN:IX connect): Würdest du auch sagen, dass Diskriminierungserfahrungen eine Rolle spielen? Dass solche Bedürfnisse auch angesprochen werden – sich gesehen zu fühlen, bestätigt zu fühlen, anerkannt zu fühlen, weil man real nun mal Diskriminierungserfahrungen macht?
Meryem Tinç: Ja, ich glaube schon, dass das dann auch eine Zuflucht sein kann zu einer Schwesternschaft. Da bin ich wieder bei der Schwesternschaft. Gemeinsam erfahrene Diskriminierungserfahrungen. Frauen mit dem Hijab oder muslimische Frauen generell erleben ja sehr viel antimuslimischen Rassismus, vor allem, wenn sie sichtbar muslimisch sind. Und es gibt eigentlich kaum Räume, das aufzuarbeiten. Es gibt kaum Schutzräume für Frauen, die von antimuslimischem Rassismus betroffen sind. Und ich glaube, dass das durchaus empowernd sein kann, wenn man sich zusammenschließt und gemeinsam über diese Erfahrungen spricht.
Ich glaube, weil muslimische junge Frauen oft allein mit sich und ihren Gedanken sind. Und da sind wir wieder bei den Diskriminierungserfahrungen, bei den Lebensrealitäten. Oft haben sie eben keine Gemeinschaft oder niemanden, der für sie spricht oder niemanden, der sie irgendwie versteht. Und ich glaube, sie suchen schon nach jemandem, der ihnen zuhört, vielleicht auch jemanden, der ihre Sprache spricht. Mit Sprache meine ich, Lebensweltsprache.
Judith De Santis (KN:IX connect): Das sind ja auch allgemein für junge Menschen total die Themen, oder? Jemanden, den sie vielleicht als Vorbild haben. Weil sie sich gerade in einer Entwicklungsphase befinden und weil drumherum so viele Krisen und Unsicherheiten existieren.
Meryem Tinç: Es gibt auch nicht so viele, wenn wir über die Online-Welt sprechen, Role Models, die vielleicht für junge muslimische Frauen da sind. Inzwischen schon eher, aber auch die sind meistens Hass ausgesetzt. Also wenn ich mir jetzt Mainstream-muslimische Frauen anschaue, die online sichtbar sind, dann sind sie meistens Hass ausgesetzt. Ich kenne zum Beispiel auch einige, die einfach nur Content mit Singen machen. Oder einfach nur sichtbar sind mit dem Hijab und dann direkt angefeindet werden, sowohl von irgendwelchen Predigern als auch von rechter Seite. Und versucht wird, sie zu canceln. Es gibt online, würde ich sagen, vielleicht nicht so viele Role Models. Da sind halt diese unzähligen weiblichen Accounts, die sich in der Peripherie, aber auch im Salafismus befinden, einfach sichtbarer.
Judith De Santis (KN:IX connect): Nachdem wir über die Influencerinnen und ihre Inhalte und Darstellungsweisen sowie mögliche Wirkung und Attraktivität gesprochen haben, stellt sich sicher auch für unsere Zuhörerschaft die Frage: Wie können Pädagogik und Prävention auf diese Entwicklungen reagieren? Viele Jugendliche folgen diesen Accounts vielleicht auch recht arglos und verbinden sich mit der Community, weil sie sich dort, wie wir schon besprochen haben, womöglich gesehen fühlen, verstanden fühlen, Gemeinschaft finden.
Wie könnte es da gelingen, Jugendliche für problematische Narrative und Accounts zu sensibilisieren, ohne dass sie sich in ihren Bedürfnissen stigmatisiert fühlen?
Meryem Tinç: Ich würde jetzt mal kurz primärpräventiv sprechen, also in der Primärprävention, dass man erst mal über Medienkompetenz spricht und über Ambiguitätstoleranz. Das sind diese ganz klassischen Sachen, die man ja immer sagt. Aber ich glaube, die sind essenziell. Vor allem, wenn es um theologische Inhalte geht. Ich spreche einmal aus der Primärprävention und einmal aber auch aus der Theologie:
Theologisch würde ich sagen, ist es ganz wichtig, auch Alternativen aufzuzeigen und zu sagen, hier, es gibt unterschiedliche Interpretationen, es gibt unterschiedliche Auslegungen. Es kommt darauf an, in welchem Kontext man mit wem spricht. Wenn wir jetzt in der Schule im Workshop sind, würde ich natürlich nicht theologisch arbeiten. Ich habe mit den Jugendlichen in Schulen immer so eine TikTok-Übung gemacht und gesagt, „holt mal euer Handy raus, lasst uns mal gemeinsam euren Feed anschauen“. Jeder holt das Handy raus und das erste Video, das auftritt, sagt schon etwas über den Algorithmus aus. Und so kann man zum Beispiel auf so Themen kommen wie Algorithmus, Interessen, was schaut man sich an.
Manchmal kommt man in Schulen und in Klassen dann auch auf ein Thema. Die bringen die Themen ja meistens selbst ein. Ich habe immer themenorientiert gearbeitet, also nach den Jugendlichen, was sie interessiert. Und die kommen von allein auf solche Themen.
Judith De Santis (KN:IX connect): Welche Themen waren das?
Meryem Tinç: Ein Beispiel: Es gab in einer Klasse, da war Abdelhamid gerade aus dem Gefängnis raus. Und das war eben ein Thema. Fast alle Jugendlichen kannten ihn. Ist Abdelhamid jetzt problematisch oder hat er einfach nur einen Fehler gemacht? Was ist denn problematisch?
Und so kann man versuchen, diese Dinge so ein bisschen in Gesprächen aufzudröseln, ohne mit dem Finger drauf zu zeigen, „wie du findest den problematisch oder eben nicht“. Das ist der beste Fall, wenn die Jugendlichen von sich aus auf die Themen kommen.
Aber, um noch mal primär präventiv zu gucken, was die TikTok-Übung angeht, da kann man über Algorithmen sprechen und darüber, was der Algorithmus mit einem machen kann, dass man in Bubbles geht, also über Filterblasen sprechen.
Judith De Santis (KN:IX connect): Filterblasen – die eigene Meinung wird die ganze Zeit reproduziert und man findet keine neuen Inhalte.
Meryem Tinç: Genau. Und meistens werden die Inhalte immer extremer. Das ist ja bei Filterblasen online auch so, vor allem bei TikTok. Das geht ja ganz schnell.
Und genau, also ich würde sagen, Medienkompetenz, da müssen auch die Schulen auf jeden Fall mitarbeiten. Elternarbeit. Es ist, glaube ich, auch ganz wichtig, Eltern zu sensibilisieren dafür, dass junge Menschen aufgefangen werden, wenn sie irgendwas anschauen.
Was ich zum Beispiel auch gemacht habe, ist, mir Videos zusammen mit Jugendlichen anzuschauen. Ich habe mir mal Sheik Ibrahim-Videos angeguckt, mit Jugendlichen, die sich die selbst angeschaut haben. Und dann darüber gesprochen.
Es ist ganz wichtig, wertschätzend zu sein, zuzuhören und nicht zu stigmatisieren, wenn Jugendliche sagen, sie finden das aber cool. Weil ich glaube, das gehört irgendwie auch dazu, zum Influencer-Dasein, selbst wenn es Predigenzer sind, dass sie auch so einen gewissen Beliebtheitsgrad haben. Das sollte man Jugendlichen auch nicht absprechen, dass sie das vielleicht auch interessant finden. Ich meine, die haben auch Humor. Ich glaube, es ist wichtig, mit Jugendlichen im Gespräch zu bleiben, Bindung zu haben und sie nicht allein zu lassen mit diesen ganzen Narrativen.
Judith De Santis (KN:IX connect): Das würde ich als Schlusswort nehmen. Und danke dir sehr, dass du heute hier warst und deine Erfahrungen und deine Expertise geteilt hast.
Meryem Tinç: Gerne.
Judith De Santis (KN:IX connect): Zum Abschluss dieser Folge wird deutlich: Es ist nicht einfach, abzugrenzen, was im Influencing weiblicher Akteurinnen auf Social Media zum Islam problematisch ist – und was nicht. Die Grenzen zwischen ideologischen Inhalten und popkulturell-religiösem Content verschwimmen immer mehr.
Wenn wir über extremistisches Influencing im salafistischen Spektrum sprechen, zeigt sich, wie sehr sich weibliche Accounts von männlichen unterscheiden. Mit Ausnahme von Hanna Hansen, die den männlichen Accounts ähnelt, bleiben die meisten Akteurinnen „unsichtbar sichtbar“: ohne Profilfoto, ohne Klarnamen, ohne Stimme. Sie passen sich den von Männern auferlegten Regeln an und verbreiten von Zuhause aus ideologische Narrative. Gerade im Bereich Coaching dient Influencing oft als Mittel, um ein Business aufzubauen. Das kann als weibliche Selbstermächtigung gesehen werden – oder ein Auftreten innerhalb der extremistischen Bubble unter auferlegten Regeln.
Die Themen und Trends auf diesen Accounts sind vielfältig: Von Coachingformaten zu einer vermeintlich korrekten islamischen Lebensführung und traditionellen, binären Rollenbildern – Ehe, Beziehungen, Mutterschaft – über pseudo-psychologische Inhalte bis hin zu ideologisch-extremistischen und antifeministischen Narrativen.
Für die pädagogische und primärpräventive Arbeit mit Jugendlichen gilt vor allem: Nicht allein lassen mit problematischen Inhalten, nicht vorschnell beurteilen. Wer problematischen Accounts folgt oder deren Content liket, radikalisiert sich nicht automatisch. Vielmehr geht es darum, zuzuhören und Medienkompetenz zu fördern. Jugendliche befinden sich in Identitäts- und Findungsprozessen, und Influencer*innen sind oft ein selbstverständlicher Teil ihrer Lebenswelt.
In der nächsten Folge von KN:IX talks werfen die Kolleg*innen von IFAK einen Blick auf ein Thema, das in Debatten über Extremismus oft weniger im Fokus steht: schiitischer Extremismus. Welche Rolle spielt dabei der Iran? Und welchen Einfluss hat das Regime auf Netzwerke und Strukturen in Deutschland? Und schließlich: Welche Herausforderungen ergeben sich daraus?
Das hört ihr in der nächsten Folge. Danke fürs Zuhören – und bis zum nächsten Mal!
(Musik)
Charlotte Leikert (KN:IX connect): Dieser Podcast ist Teil von KN:IX connect, dem Verbund Islamismusprävention und Demokratieförderung. KN:IX connect wird umgesetzt von ufuq.de, modus | zad – Modus Zentrum für Angewandte Deradikalisierungsforschung, IFAK – Verein für Multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe Migrationsarbeit und der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus, kurz BAG RelEx. Alle Träger werden im Rahmen von KN:IX connect durch das Bundesprogramm Demokratie leben! des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Weitere Förderung erhalten wir von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt. Der Podcast stellt keine Meinungsäußerungen des BMBFSFJ, des BAFZA oder der weiteren Mittelgeber dar. Für inhaltliche Aussagen und Meinungsäußerungen tragen die Publizierenden dieser Veröffentlichung die Verantwortung.