Dr. Maja Bächler leitet das Referat Konferenzen, Fachtagungen und Gesprächsreihen in der Bundeszentrale für politische Bildung. Davor war sie unter anderem als Dozentin an der Humboldt-Universität zu Berlin am Lehrstuhl für Theorie der Politik und an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg tätig. Ihr derzeitiger Arbeitsschwerpunkt liegt auf dem Themenkomplex „politische Bildung in und mit den Sicherheitsbehörden“.
Welche Themen bekommen zu viel Aufmerksamkeit in öffentlichen Diskursen – welche zu wenig?
Das Themenfeld Islamismus und Islamismusprävention wird zum Teil einseitig mit Debatten um Migration und Zuwanderung verbunden und bekommt damit eine irritierende, eine „schiefe“ Form der Aufmerksamkeit. Diese Themen sind wichtig und sollten keinesfalls ausgeklammert werden, aber die Debatte darauf zu verengen, wird der Komplexität des Phänomens nicht gerecht und blendet vieles aus (schließlich kommt auch der Begriff des „homegrown terrorism“ nicht von ungefähr).
Zu wenig Aufmerksamkeit liegt aktuell auf der psychologischen Betreuung von Geflüchteten, der Rolle von Diskriminierungserfahrungen von in Deutschland geborenen und/oder sozialisierten Muslimen/-innen oder als Muslime/-innen gelesenenen Menschen und der Bedeutung von Primärprävention sowie Sozialer Arbeit als Ansätze zur Verhinderung von Radikalisierung. Kurz zu diesem letzten Punkt: Niedrigschwellige Ansätze, Räume für Begegnungen schaffen, Debatten führen, einander zuhören, Ambiguitätstoleranz fördern und Beziehungsarbeit – eigentlich wissen wir alle, dass es jetzt mehr denn je auf diese Dinge ankommt, nicht nur in der Islamismusprävention, sondern auch im gesellschaftlichen Miteinander, und trotzdem fallen all diese Punkte zu oft hinten runter.
Wodurch zeichnet sich eine gute Islamismusprävention aus Ihrer Sicht aus?
Häufig liegt zu viel Aufmerksamkeit auf sicherheitspolitischen Perspektiven und der Frage nach „Radikalisierung als Bedrohung“. Dadurch geraten komplexe Lebensrealitäten junger Menschen schnell aus dem Blick, insbesondere aus einer systemischen und lebensweltorientierten Grundhaltung heraus. Ohne dabei reale Gefahren, die durch einschlägige Radikalisierungsverläufe entstehen, kleinreden zu wollen.
In diesem Zusammenhang zeigt sich zudem eine problematische Tendenz zur Islamistisierung (ein Versuch, Stigmatisierung als Begriff zu präzisieren, wohlwissend, dass es dieses Wort nicht gibt) von Deutungen: Sichtbare religiöse Praxis muslimischer Jugendlicher wird vorschnell unter eine Radikalisierungsperspektive gestellt und entsprechend fehlinterpretiert.
Auch der Fokus auf digitale Räume und Social Media in öffentlichen Diskursen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Online-Dynamiken sind zweifellos relevant, jedoch entsteht mitunter der Eindruck, Radikalisierung finde vor allem dort statt. Das greift zu kurz.
Damit verbunden erhält der ganzheitliche Blick auf Radikalisierungsprozesse zu wenig Aufmerksamkeit. Entfremdung von Gesellschaft beginnt häufig deutlich früher und ist eng mit Erfahrungen in zentralen Lebensbereichen wie Schule, Institutionen oder sozialem Umfeld verknüpft. Diese biografischen und strukturellen Faktoren geraten im Diskurs oft in den Hintergrund, während der Fokus stark auf dem sichtbaren „Hier und Jetzt“ liegt, statt auf dem „So-Gewordensein“.
Wie hängen Islamismusprävention und Demokratieförderung zusammen?
Beide brauchen und bedingen einander. Wer sich für Demokratieförderung und politische Bildung einsetzt, wer Räume für Austausch und Miteinander schafft, Teilhabe und Begegnung ermöglicht, leistet langfristig einen Beitrag zur Radikalisierungsprävention. Prävention bedeutet im Wortsinn eher die Verhinderung von etwas, beide folgen also zunächst unterschiedlichen Logiken. Zugleich gilt aber auch: Politische Bildung kann durch ein besseres Verständnis von Demokratie und durch die Stärkung von Teilhabe vor Radikalisierung schützen und damit präventive Wirkungen entfalten.
Vielen Dank für das Interview!