Portraitfoto von Mehmet Koç

Islamismusprävention setzt in der Lebenswelt junger Menschen an – Interview mit Mehmet Koç

Warum geraten die Lebensrealitäten junger Menschen in Debatten über Radikalisierung oft aus dem Blick? Wie kann Islamismusprävention stärker lebensweltlich und beziehungsorientiert ansetzen? Ein Gespräch mit dem KN:IX connect Fachbeirat

Mehmet Koç vereint sozialarbeiterische Praxiserfahrung mit wissenschaftlicher Expertise in Radikalisierungsprävention und Demokratieförderung. Mit Studienabschlüssen in Sozialer Arbeit und Islamischen Studien sowie Forschungserfahrung in der Sozialen Arbeit bringt er eine interdisziplinäre Perspektive ein. Als langjähriger und multiprofessioneller Praxisakteur entwickelt und erprobt er innovative digitale Präventionsansätze auf Social Media und bringt seine Perspektiven aktiv in den fachlichen und gesellschaftlichen Diskurs ein. Im Interview betont er, dass die vielschichtigen Lebensrealitäten junger Menschen in öffentlichen Debatten über Radikalisierung oft aus dem Blick geraten. Gute Islamismusprävention müsse daher früh ansetzen sowie beziehungsorientiert und lebensweltlich verankert sein.

Was motiviert Sie persönlich im Fachbeirat von KN:IX connect mitzuwirken?

Mich motiviert die Möglichkeit, Praxiswissen und Erfahrung aus meiner langjährigen (medien-)pädagogischen Arbeit in der Islamismusprävention in strategische Diskurse einzubringen. Gerade in diesem Feld ist es entscheidend, Perspektiven aus der konkreten Arbeit mit Jugendlichen wahrzunehmen und einzubeziehen. Im Fachbeirat sehe ich die Chance, Brücken zu schlagen: zwischen Theorie und Praxis sowie zwischen Forschung, Zivilgesellschaft und pädagogischem Alltag. KN:IX connect bietet dafür einen wichtigen Raum.

Zugleich erlebe ich, wie dynamisch sich Entwicklungen im Phänomenbereich verändern. KN:IX connect leistet hier eine wichtige und wertvolle Arbeit. Als Mitglied des Fachbeirats sehe ich die Möglichkeit, diese Arbeit aktiv zu unterstützen und den fachlichen Diskurs gemeinsam mit anderen Expert*innen mitzugestalten und weiterzuentwickeln.

Welche Themen bekommen zu viel Aufmerksamkeit in öffentlichen Diskursen – welche zu wenig?

Häufig liegt zu viel Aufmerksamkeit auf sicherheitspolitischen Perspektiven und der Frage nach „Radikalisierung als Bedrohung“. Dadurch geraten komplexe Lebensrealitäten junger Menschen schnell aus dem Blick, insbesondere aus einer systemischen und lebensweltorientierten Grundhaltung heraus. Ohne dabei reale Gefahren, die durch einschlägige Radikalisierungsverläufe entstehen, kleinreden zu wollen.

In diesem Zusammenhang zeigt sich zudem eine problematische Tendenz zur Islamistisierung (ein Versuch, Stigmatisierung als Begriff zu präzisieren, wohlwissend, dass es dieses Wort nicht gibt) von Deutungen: Sichtbare religiöse Praxis muslimischer Jugendlicher wird vorschnell unter eine Radikalisierungsperspektive gestellt und entsprechend fehlinterpretiert.

Auch der Fokus auf digitale Räume und Social Media in öffentlichen Diskursen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Online-Dynamiken sind zweifellos relevant, jedoch entsteht mitunter der Eindruck, Radikalisierung finde vor allem dort statt. Das greift zu kurz.

Damit verbunden erhält der ganzheitliche Blick auf Radikalisierungsprozesse zu wenig Aufmerksamkeit. Entfremdung von Gesellschaft beginnt häufig deutlich früher und ist eng mit Erfahrungen in zentralen Lebensbereichen wie Schule, Institutionen oder sozialem Umfeld verknüpft. Diese biografischen und strukturellen Faktoren geraten im Diskurs oft in den Hintergrund, während der Fokus stark auf dem sichtbaren „Hier und Jetzt“ liegt, statt auf dem „So-Gewordensein“.

Wodurch zeichnet sich eine gute Islamismusprävention aus Ihrer Sicht aus?

Gute Islamismusprävention ist langfristig, beziehungsorientiert und lebensweltlich verankert. Sie setzt nicht erst bei Ideologien an, sondern bei den Bedürfnissen, Fragen und Unsicherheiten junger Menschen. Zentral ist eine ressourcenorientierte Haltung: Jugendliche werden nicht als „Risikofälle“, sondern als handlungsfähige Subjekte verstanden.

Gleichzeitig braucht es Fachkräfte, die Religions- und Kultursensibilität, eine diskriminierungs- und rassismuskritische Grundhaltung sowie Medienkompetenz als zentrale Grundpfeiler ihrer Arbeit begreifen. Erfolgreiche Prävention arbeitet niedrigschwellig, reflektiert die eigene Haltung und stärkt demokratische Kompetenzen – ohne in moralisierende Muster zu verfallen.

Vielen Dank für das Interview!