Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Lehrerin, Autorin, Publizistin und seit 2021 Mitglied des Deutschen Bundestages für Bündnis 90/Die Grünen. Sie konzipierte und leitete mehrere deutschlandweite Präventions- und Bildungsprojekte für Jugendliche.
Welche Themen bekommen zu viel Aufmerksamkeit – welche zu wenig?
Wir reden im öffentlichen Diskurs fast ausschließlich über sicherheitsrelevante Aspekte von Islamismus – Gefährdung, Kontrolle, Repression. Was viel zu selten vorkommt, ist die Betroffenenperspektive von Musliminnen und Muslimen selbst, die tagtäglich zwischen Extremismusvorwurf und Loyalitätsbeweis stehen. Das führt zu Othering und letztlich zu Desintegration. Das gelebte, gemäßigte muslimische Leben, das die große Mehrheit ausmacht, verschwindet aus dem Blick – dabei wäre genau das der Schlüssel zu einer klugen Prävention.
Wie entwickelt sich die Islamismusprävention in den nächsten zehn Jahren?
Radikalisierung findet längst über das Smartphone statt – über Gaming-Plattformen, Social Media, Apps, bald noch stärker mithilfe von KI. Darauf muss Prävention reagieren. Sie wird digitaler werden, niedrigschwelliger, vielleicht sogar über eigene Apps oder KI-gestützte Formate. Aber bei aller Technik: Junge Menschen brauchen echte Safe Spaces für Austausch, Orientierung und Zugehörigkeit. Ich glaube, das wird in den nächsten zehn Jahren wichtiger, als wir heute ahnen – gerade weil so vieles ins Digitale wandert.
Wo liegen derzeit die größten Herausforderungen?
Wir haben zu wenige Fachpolitikerinnen und Fachpolitiker, die Islamismusprävention wirklich als Querschnittsaufgabe begreifen. Der Diskurs wird von einem relativ kleinen Expertenkreis dominiert. Gleichzeitig fehlt es an politischer Bildung – vor allem im digitalen Raum. Vielen ist nicht klar, dass Prävention harte Sicherheitspolitik ist. Wenn wir das nicht endlich verstehen, laufen wir den Entwicklungen weiter hinterher.
Vielen Dank für das Interview!
Foto: Stefan Kamin