Islamismusprävention in Anbetracht von Multikrisen – Interview mit Meltem Kulaçatan

Wie lässt sich Islamismusprävention zukunftsfähig gestalten? Ein Gespräch mit dem KN:IX connect Fachbeirat

Prof. Dr. Meltem Kulaçatan ist Professorin für Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule in Nürnberg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Jugend, Religion mit Schwerpunkt Islam, Migration, Frauen- und Geschlechterforschung, Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft, jüdisch-muslimische Gegenwartsbeziehungen sowie islamistisch bedingte Radikalisierung und Radikalisierungsprävention in Deutschland. Im Interview spricht sie darüber, mit welchen Herausforderungen die Islamismusprävention zunehmend konfrontiert ist.

Was motiviert Sie persönlich im Fachbeirat von KN:IX connect mitzuwirken?

Die für mich sehr wertvolle Möglichkeit, mit Kolleg:innen, die aus anderen Forschungs- und Praxisschwerpunkten kommen als ich, Erfahrung und Wissen sowie Ergebnisse auszutauschen.

Warum sind zivilgesellschaftliche Akteure in der (Islamismus-)prävention und der Demokratieförderung wichtig?

Zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure sind sehr häufig die Ersten, die sich verändernde Dynamiken im Kontext von Prävention erkennen und einordnen können. Wir sind auf zivilgesellschaftliche Akteure meines Erachtens zwingend angewiesen, um hier genau und rechtzeitig gegensteuern zu können.

Welche Themen bekommen zu viel Aufmerksamkeit in öffentlichen Diskursen – welche zu wenig?

Das kann ich pauschal so nicht beantworten. Allerdings würde ich mir wünschen, dass wir Gewalt als gesamtgesellschaftliches Phänomen und zugleich phänomenübergreifend intensiver analysieren und Prävention stärker dafür ausbauen und eine engere Kooperation mit Forensiker:innen und Strafrechtler:innen anstreben. Ich würde mir hier stärkere politische Maßnahmen sowie mehr Ausstattungen für Präventionsmaßnahmen im Rahmen von struktureller, direkter und (eigener gesamtgesellschaftlicher) „kultureller“ Gewalt wünschen.

Wodurch zeichnet sich eine gute Islamismusprävention aus Ihrer Sicht aus?

Indem sie altersübergreifend und milieuübergreifend ansetzt sowie unterschiedliche Extremismusformen zusammen denken und verstehen kann, ohne religiöse heterogene oder observante Alltagspraktiken damit zu vermengen oder unter Verdacht zu stellen.

Wie entwickelt sich Ihrer Einschätzung nach die Islamismusprävention in den nächsten zehn Jahren?

Ich selbst gehe davon aus, dass wir im Kontext von islamistisch bedingten Radikalisierungs“angeboten“ deutlich stärker mit ethnonationalistischen Phänomenen, die sich zwar einzeln, aber global entwickeln und auswirken, zu tun haben werden. Hier müsste die Islamismusprävention stärker ansetzen, auch in Anbetracht der zu erwartenden Multikrisen, die in Kriege und Vertreibungen münden.

Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen für Ihre Arbeit in diesem Bereich? Was bereitet Ihnen Sorgen?

Mir als Wissenschaftlerin und Forschende, die Praxisprojekte in diesem Feld wissenschaftlich begleitet, bereitet die größte Sorge die fehlende strukturelle Nachhaltigkeit durch immer knapper werdende oder gestrichene finanzielle Ressourcen. Das wirkt sich auch auf das Forschungssegment aus, in dem in immer kürzerer Zeit valide Ergebnisse eruiert werden sollen, was beispielsweise mit einer Projektlaufzeit von 24 Monaten nicht funktionieren kann, da es der Logik des notwendigen wissenschaftlich bedingten und prüfbaren Erkenntnisprozesses widerspricht.

Wie hängen Islamismusprävention und Demokratieförderung zusammen?

Unmittelbar! Geschlossene Weltbilder, Affinitäten zu autoritären Strukturen oder Gewaltbereitschaft gegenüber Menschen, die nicht in das eigene Weltbild passen, widersprechen demokratischen pluralen Prinzipien, die von der Verteidigung der Partizipationsfähigkeit und dem Gleichheits- und Freiheitsversprechen leben.

Vielen Dank für das Interview!

Foto: Eva Pöllinger